Back again!

Viel ist passiert, seit ich das letzte Mal hier etwas von mir gegeben habe. Ein Vikar kam und blieb länger als gedacht, was schön war und ist. Ebenso die Pandemie, was zwar grundsätzlich weniger schön war, aber auch ein paar gute Erfahrungen mit sich gebracht hat (so viel Luft für Kreatives hatte ich bisher selten).

Oft habe ich liebevoll an diesen Blog gedacht und mich gefreut, wenn mal jemand nachgefragt hat, wie hier und bei mir so die Lage ist. Die Lage ist gut. Ein Hund namens Nietzsche ist vor einem Jahr mitsamt Herrchen in mein Leben getreten. Dass Letzterer Philosoph ist und dem Hund ausgerechnet diesen Namen verpasst hat fügt sich zu dem funfact, dass ich meine erste Katze einst Paulus genannt habe.

In unserer Wohnung arrangieren sich nun u.a. Hund und Katz, Philosoph und Theologin, Lehrer und Pfarrerin, Handpan und Kontrabass, Schul – und Gemeindealltag. Katze Franka vermag es mit einer winzigen Bewegung ihres hübschen Kopfes helle Panik im Hund zu entfachen und ihn zu einer Flucht auf meinen Schoß zu animieren (er wiegt 24 Kilo). Leiten und Führen hat sie einfach raus.

Ich lerne mit dem Hund noch ganz andere Ecken und Leute hier kennen. Bewegung und frische Luft sollen ja auch die Abwehrkräfte stärken oder so. Zu meiner Freude wagt der Freund sich auch mit in Gemeindekontexte und hat zuhause die Kontrolle über die Küche übernommen. Auch damit lässt es sich sehr gut leben. Also, viel ist passiert, viel hat sich verändert und ich mich wohl auch und ich bin dankbar dafür und staune über dieses Glück.

Zwischendurch habe ich mich gefragt, ob dieser Blog wohl noch Interesse weckt. Die Medienlandschaft ist ja auch eine andere als Anfang 2015 (so lange ist der Beginn von plötzlichpfarrerin schon her, irre). Insta und YouTube sind voll mit tollen und spannenden true stories von Pfarrer:innen inklusive Bild und Ton. Egal, Lust wieder zu schreiben habe ich allemal und vielleicht gerate ich ja wieder mehr in flow. Bei all dem, was gerade in Bewegung ist gefällt mir der Gedanke, mich hier etwas zu sammeln und das zu teilen.

Denn, oh my, wie sehr und wie unfassbar hat sich die Welt seit dem 24. Februar verändert.

In unserem Gemeindehaus wohnen seit drei Wochen Geflüchtete. Zwei Familien bestehend aus vier Frauen, zwei Kindern und zwei winzig kleinen Hunden. Ich bin froh, dass sich unser Presbyterium einstimmig für die Beherbung ausgesprochen hat und auch das wöchentliche Ukraine-Café unterstützt. Viel Orga und Aufwand hängt da dran, aber die Leute in der Gemeinde und darüber hinaus sind, wie an den meisten Orten, unfassbar hilfs- und einsatzbereit. Das Diakonische tut allen gut. Und mir gefällt es, wie sehr das Haus jetzt mit Leben gefüllt ist. So soll Gemeinde doch sein – ein Ort, der willkommen heißt und an dem man sein kann, wie man eben ist, zusammen mit anderen.

Unsere Gäste sind super freundlich und dankbar für alles, was ihnen hier möglich ist. Und ich habe mich schon daran gewöhnt, der Teenagertochter (ihre Augen sind immer noch voller Schrecken) im Treppenhaus zu begegnen und den flauschigen Spitz im Kirchgarten zu streicheln. Sie gehören zu meinem Alltag. Manchmal bekomme ich eine Ahnung von dem, was unsere Gäste hinter sich lassen mussten. Ein Profilfoto im messenger zeigt die Mutter der Teenagerin, ganz in weiß am Strand mit Strohhut, bei einem Sprung in die Luft. Eine schöne, strahlende und unbeschwerte Frau. Zuhause war sie immer mitten im Trubel, ganz kommunikativ und fröhlich. Hier muss sie erst die Sprache lernen. Aber will sofort damit anfangen.

Oder wenn die junge Ehefrau beim Osterfeuer von ihrem Mann erzählt (Vater des drei Monate alten Babys), der zurückgeblieben ist und kämpft. Als wir sprachen, hielt sie Nietzsche an der Leine und meinte, ihr Mann würde diesen Hund auch gerne mögen. In solchen Momenten wird mir der Boden unsicher, auf dem ich mich befinde.

Dieser Krieg wirkt wie ein Erdrutsch, der nicht aufhört. Gewissheiten ändern sich. Wichtigkeiten auch. Und ich spüre, wie diese Kräfte wirken und ziehen, an mir, an der Gemeinde.

Das Friedensgebet bei uns gestaltet ein Pfarrer im Ruhestand. Ich bin froh, dass er die Worte findet und auch der Stille den Raum gibt. Gemeinsam beten (nicht nur, aber auch) in Zeiten der Not, auch das ist Gemeinde. Und ich bin von Herzen gerne dabei.


12 Antworten zu “Back again!”

  1. Ich habe mich sehr gefreut, dass es hier nach der langen Pause einen neuen Text gibt. Erst kürzlich habe ich mich gefragt, ob das wohl nochmal passieren würde, und wie es inzwischen ergangen ist und geht. Nun weiß ich es ein bisschen. Freue mich auf weitere Texte.

    Gefällt 1 Person

  2. Ein Lebenszeichen! Wie die anderen Kommentare auch zeigen, besteht auf jeden Fall noch Interesse an dem Alltag einer plötzlichen Pfarrerin! Vielen Dank für den schönen Text:)

    Gefällt 1 Person

  3. Oh wie schön, ein Lebenszeichen! Und so viele gute Neuigkeiten in diesen irren Zeiten – freue mich sehr, dass es dir gut geht und würde auch in Zukunft sehr gerne von dir lesen.

    Gefällt 1 Person

  4. Wie schön!! Nach langer Zeit hab ich mal wieder auf den Blog gedrückt und darf nun feststellen, dass es tatsächlich Neues gibt!!! Bei uns in der Pfarrgemeinde hätte ich gerne Platz für Ukrainische Flüchtende geschaffen…. da wir momentan vakant sind hat das Presbyterium diese Entscheidung nicht zu treffen gewagt….. Und nun ist seit Karfreitag ein arabischer junger Mann der Christ sein möchte und daher nicht mehr in sein Heimatland kann, da. Jeden Sonntag. Vielleicht wird das Presbyterium es nun wagen, ihm Raum zu geben??? Ab September gibt es wieder einen Pfarrer……..
    Ich freu mich riesig, wieder von dir (bin jetzt ganz frecht per Du) zu lesen!!! Viel Freude, Segen und Kraft weiterhin!

    Herzliche Grüße aus Österreich
    Elisabeth

    Gefällt 1 Person

  5. Wie schön, dass es hier weitergeht!
    Ich habe tatsächlich ab und zu an Sie (unbekannterweise) gedacht, vor allem seit der Neffe Theologie studiert…
    Liebe Grüße
    Tine

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Rina Antwort abbrechen