Aus gegebenem Anlass V

– Zu einer Gedenkveranstaltung heute Abend –

80 Jahre ist es her, dass in diesem, unserem Land, auf diesem Grund und Boden ein zum Himmel schreiendes Unrecht neue Gestalt annahm. 

Die Novemberpogrome vom 9. bis zum 13. November 1938 markieren den Beginn der offenen, systematischen Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Die jahrelangen Feinbildinszenierungen der nationalsozialistischen Propaganda entladen sich entfesselt und ungebremst im von SA und NSDAP angeordneten „Volkszorn“.

Auf dem Land und in den Städten brennen deutschlandweit 1400 Synagogen, 7000 jüdische Geschäfte werden geplündert und zerstört, 1500 Menschen ermordet, weitere 30 000 in Konzentrationslager verschleppt. 

Es ficht mich an, diese nüchtern verfassten Zahlen zu gebrauchen, um das Unglück irgendwie begreifen zu können. Jemand muss sie gesehen und gezählt und aufgeschrieben haben. Hinter jeder Zahl ein Mensch, ein Schicksal, ein Name, mit Eltern, vielleicht Geschwistern, mit Freundinnen und Freunden, Bekannten, Nachbarn, Mitarbeitenden. Ein ganzes, bewegtes und pulsierendes Leben. 

Diese Zahlen bestürzen mich. Umso mehr, weil ich weiß, dass die Opferzahlen in den Jahren bis 1945 das Vorstellbare noch viel weiter übersteigen werden. Die Shoa wird über sechs Millionen Jüdinnen und Juden das Leben kosten. Sechs Millionen. 

Der Novemberterror vor 80 Jahren ist ein Auftakt, die Marschrichtung offenbart sich in aller Brutalität und Gleichgültigkeit. 

Ich kann nicht umhin, immer wieder zu versuchen mir vorzustellen, wie es war. Auf Straßen und Wegen vor in Flammen lodernden Gotteshäusern zu stehen, den Rauch nach oben aufsteigen zu sehen, inmitten von Qualm und Gestank. Fensterscheiben zerspringen zu hören, über Scherben zu gehen, das Geräusch von Stiefeln auf Pflastern, in Hausfluren und Wohnungen, berstendes Holz, einfallende Häuser. Dazu  laute Stimmen von Menschen, Tätern und Opfern, gebellte Befehle der Soldaten, Schreie voller Angst und Entsetzen, Schüsse, Schläge. Es muss ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein, zum Himmel schreiendes Unrecht. 

Mich bedrückt schwer, dass ich nicht sagen kann, wo ich vor 80 Jahren in alledem gestanden hätte. Wer weiß, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ist`s Sünde, schreibt Jakobus. Die Pogrome fanden vor den Augen unzähliger Bürgerinnen und Bürger statt, die nichts dagegen unternommen haben. Die die Täter noch angefeuert haben oder selbst gezündelt und geplündert haben. Ein Volksfest. Hätte ich mitgefeiert und lachend neben zerstörten Geschäften für ein Foto posiert? Hätte ich dabei auch geglaubt, dass es diesen Männern, Frauen und Kindern schon recht geschieht? Wäre ich erbarmungslos gewesen und ohne Mitleid? Hätte ich mich schuldig gemacht, wäre der Sünde anheim gefallen? 

Die Zahlen verraten es mir nicht und auch nicht die Vorstellungen, die ich mir in meinem begrenzten Horizont von jenem Grauen mache. 

Die Zahlen und Bilder und Klänge in meinem Kopf hinterfragen stattdessen schmerzlich meine tiefsten Überzeugungen. Wie konnte das geschehen? Zu was ist ein Mensch fähig? Und wo, um Himmels Willen, war Gott in dieser Zeit? 

Die Leiden der Tausenden und Abertausenden, der Millionen von Menschen erfüllen mich mit einer fassungslosen Ohnmacht. 

Heute, an diesem Tag gibt es keine frohe Botschaft. Die Worte wollen nicht kommen, denn hier ist nicht ihr Platz. Das Leid ist zu groß für jeden Trost. Unsagbar, übermächtig. 

Einzig das Gedenken möge Raum haben. Das Gedenken eines zum Himmel schreienden Unrechts, das in Tod und Vernichtung geführt hat. Von Zerstörung und Lärm und Schreien und Schlägen und Schüssen, dem Rattern von Waggons und dem lauten Zuschlagen von Türen,  hin zu Totenstille. 

— Stille —-


Eine Antwort zu “Aus gegebenem Anlass V”

  1. An dieser Stelle „Gefällt mir!“ zu schrieben, klingt gerade sehr falsch. Aber ich denke, es wird schon richtig verstanden.
    Liebe Grüße aus der Lüneburger Heide
    Natalie

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