Ungefähr in der Mitte meines Sommerurlaubes, als ich gerade mit meiner Freundin Friedi in einem extra schiefen Haus gegen die Schwerkraft kämpfte (so weird!), rief mich mein Hausmeister wegen des Wasserschadens in der Wohnung an. Übelkeit wegen des Hauses und Unruhe wegen der Wohnung vermischten sich auf ulkige Weise. Bah. Friedi und ich wankten seltsam stumm zum Auto und fuhren wieder nach Hause. Handwerker kamen und maßen, berieten laut miteinander, schraubten und fanden etwas Tropfendes, das innerhalb einer Woche auch Feuchtigkeitsschäden bei der Nachbarin von unten bewirkt hatte.
So teilte ich in den letzten Wochen die Wohnung nicht nur mit der Katze, sondern auch mit einem grauen, klobigen Schlauch, der in Verbindung mit einer Turbine und einem Entfeuchter den Boden und die Wände wieder trocken kriegen sollte. Hat gedauert und war laut und ätzend (die Katze protestierte auch laut und ätzend/pinkelnd), aber hat schließlich geholfen.
Seit drei Tagen sind die Gerätschaften wieder weg und heute kam der Maler. Weiße Latzhose, um die 60 vielleicht, ein fröhlicher Typ, der das Schnacken mit Kunden gewöhnt ist.
Er, kniend vor der Sockelleiste im Wohnzimmer „Und was machen Sie so?“
Ich sitze auf der Couch und lese eigentlich gerade „Ich bin Pfarrerin.“
„Hä? Wie jetzt? Fahrerin oder so?“ [lustig, IMMER wieder]
„Nee, im Sinne von Pastorin. Pfar-re-rin.“
„Ach so, Pfarrerin. Hatte ich gar nicht so verstanden. Na das ist ja ein Ding. Hatte ich noch nie, dass ich bei einer Pfarrerin war.“
„Das wundert mich ja fast, hier wohnen doch haufenweise Pfarrer*innen im Ruhestand.“ [Das ist tatsächlich so. Drei, vier Emeriti sind hier im Gottesdienst keine Seltenheit. Aber die sind zum Glück ganz entspannt und lustig, andere können da ganz andere Geschichten erzählen]
„Wenn Sie Pfarrerin sind, dann müssen Sie doch so einen richtig krassen Glauben haben, oder?“
Und zack ist es vorbei mit Lesen. Während im Badezimmer langsam die Farbe trocknet, entspinnt sich im Wohnzimmer ein Gespräch über Glauben, Kirche, Religion an sich und das Leben nach dem Tod. Hier ein paar Momentaufnahmen:
„Katholisch oder evangelisch?“ [seufz]
….
„Mit Traditionen hab ich’s ja nicht so. Nur weil etwas früher so war, muss man es ja heute nicht glauben.“ – „Ich finde, es gibt doch auch gute und wichtige Traditionen…Und es ist doch auch schön, das Rad nicht ständig neu erfinden zu müssen und von Leuten zu erfahren, die sich auch Gedanken gemacht haben.“
….
„Ich glaube an nichts. Nichts Übergeordnetes. Ich geh arbeiten, verdiene mein Geld und dann kann ich essen. So einfach ist das.“ – „Glauben Sie nicht an irgendetwas? An Liebe vielleicht? Familie?“ – „Ach so ja klar. Ja, an Liebe glaube ich. Und ich verhalte mich auch gut, teile und bin freundlich. Aber ich will an nichts Größeres glauben.“
….
„Was macht das denn für einen Unterschied, wenn man glaubt? Ich meine so von der Lebensführung her und so? Ist das nicht alles gleich?“ – „Ich glaube, dass Gott in dieser Welt sein Reich anbrechen lässt und sein Reich kommt und mit ihm Frieden und Gerechtigkeit, und ich kann daran mitwirken. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen macht glaube ich schon was aus. Das setzt doch Handlungskräfte frei.“
– „Und richtig schlimm finde ich, wenn Kinder da reingezogen werden. Dann ist das wieder mit diesen Traditionen. Da wird denen was übergestülpt und so können die sich gar nicht frei entwickeln. Die sollen sich später entschieden, wenn sie groß sind.“ [dass das mit dem Entscheiden besser geht, wenn man mit der Religion vertraut ist werfe ich jetzt nicht ein, ich ahne, dass da noch was kommt und tatsächlich:] – „Hmhm“
„Ich hatte mal einen Kollegen, der war bei den Zeugen Jehovas. Und wir haben uns immer abgewechselt, mal Frühstück bei mir und mal bei ihm. Netter Kerl und alles. Aber bei ihm zuhause, mit den Kindern, die waren so streng mit denen. Vor dem Essen wurde gegebet und ich sollte mitbeten. Weil ja alles von Gott kommt auf dem Tisch. Und da hab ich dann gesagt: „Ja spinnst du denn?! Da arbeiten wir doch für, dass hier das Essen ist. Ich bete nicht! So ein Quatsch!“ Und dann haben die nachher für mich mitgebetet, das hab ich die dann machen lasen. Später konnte ich mit dem nicht mehr zusammen arbeiten. Wenn da Kinder im Spiel sind, das geht für mich nicht.“
…
„Wenn man etwas logisch nicht erklären kann, dann ergibt das für mich keinen Sinn. Die Wissenschaft hat doch aufgeräumt mit Gott. Und mit dem Leben nach dem Tod. Es ist doch total unlogisch, dass da noch was kommt.“ – „Gibt es nicht auch Dinge, die mit Logik nicht zu erklären sind? Wissenschaft und Glauben schließen sich nicht zwangsläufig aus. Und woher wollen Sie denn wissen, dass nach dem Tod nichts kommt? Das kann doch niemand sagen. Wer will das denn wissen?“ – „Hm..Hm..Stimmt auch wieder.“ „Ich kann das ja auch nicht mit Sicherheit sagen, ich glaube nur daran. Aber Herr Maler, wenn wir beide tot sind und im Himmel, dann müssen wir uns verabreden. Und wenn wir beide tot sind und nichts ist, dann hatten Sie eben Recht.“ “ Ja, das können wir dann machen. Oha! Was ist denn hier bei Ihnen Flur? Da ist ja noch ein Fleck. Ich mach da mal eben was drüber..“
…
Einige Minuten später packt er sein Zeug zusammen, gleich geht es für ihn los.
Der Maler guckt noch mal zur Leiste und sagt:
„Gott sei dank hält die jetzt.“
Ha! Denke ich. Wusst ich’s doch!