Es ist heiß in der nicht ganz großen Stadt am Fluss. Der Weg zum Eisladen schlängelt sich durch den Park, hellbraun mit kleinen Steinen, links und rechts davon sattes grün. Die Sonne steht hoch am Himmel, lässt mich blinzeln – ist es noch weit? Ich habe Durst.
Weit ist es nicht mehr, sagt die Freundin, nur noch über die Brücke und dann rechts halten.
Endlich kommen wir an, Eis in der Waffel, zwei Kugeln Wonne: Zitrone und Vanille. Hmm. Am Stammplatz unten am Fluss sind vor uns schon andere angekommen: der Steg, auf dem man gut sitzen und die Füße ins Wasser baumeln lassen kann, ist klitschnass. Doof, aber was soll’s, wird schon wieder trocknen, Marie und ich setzen uns, kühlen die Füße in der Strömung und den Hosenboden auf dem Holz.
Nur ein paar Meter weiter rechts springen lärmend Kinder in Unterhosen und Hemden ins Wasser. Nasse Jungen klopfen Sprüche, es klingt nach Stolz und Slang.
Ich hätte es gerne ruhiger gehabt. Eine Frau von hinten erklärt ihrem Sohn, dass hier keine Badestelle sei und keine Aufsicht und man das eigentlich nicht dürfe. Platsch, ein blondes Mädchen ist jetzt auch im Wasser, einfach reingesprungen.
Ich bin froh, als die Gruppe sich etwas flussaufwärts verlagert. Ab und an hört man Gelächter. Erleichtert bemerke ich, dass das Wasser nicht allzu tief zu sein scheint, keine Gefahr für die lautstarken Kinder.
Ein anderes Mädchen setzt sich auf den Steg neben mich und streckt ihre Beine Richtung Wasser, mit ihrer Mutter im Rücken. Sie plätschert mit den Füßen im Wasser, es spritzt nach allen Seiten, auch zu mir und ich frage mich schon, ob ich etwas sagen sollte oder nicht und dann
kommt sie angeschwebt wie ein Wesen aus einer anderen Welt. In schimmernden Blautönen – sowas Schönes hab ich lange nicht gesehen.
Als die Libelle sich zum ersten Mal auf dem Fuß des Kindes rechts von niederlässt, bemerkt es das Mädchen zunächst gar nicht. Aber ihre Mutter: halt mal still, ich mach ein Foto!
Dann fliegt sie weiter, an uns vorbei zu dem Jungen mit seiner Mutter wow, die ist ja toll und ein paar Momente später landet sie auf Maries Knie – blaue Libelle auf weißer Leggins, wir zählen vier Flügel und mindestens drei Blautöne. Tiefes Nachtblau, Königsblau, und etwas Schimmerndes dazwischen.
Die Libelle scheint die Aufmerksamkeit zu genießen und keine Angst vor Menschen zu haben, sie fliegt weiter von einem zur anderen, hin und her, immer mal wieder hört man ein “Oh” oder “Libelle” und “schön”. Als sie auf meinem Fuß sitzt widerstehe ich dem Impuls, den Moment festzuhalten. Zwischen den im Sommerlicht glitzernden Wassertropfen auf der Haut sieht sie aus wie ein Schmuckstück. Allerdings ein Unverfügbares, ein paar Augenblicke, dann ist sie wieder woanders.
Vor ein paar Jahren, an einem anderen Ort fragte jemand: Wie ist die Farbe Gottes? Ich überlegte, rot vielleicht – wie die Liebe? Die Antwort des Mannes war: blau. Die Farbe Gottes sei blau. So wie damals bei Mose, als er nach dem Bundesschluss am Sinai mit den Ältesten hinaufstieg und sie den Gott Israels sahen. Unter seinen Füßen war es wie eine Fläche von Saphir und wie der Himmel, wenn es klar ist (Ex 24, 10).
Ich weiß nicht, ob der Mann Recht hat mit seiner Annahme. Vielleicht hat Gott auch noch andere Farben, alle Farben, andere, noch unbekannte Farben. Aber mit blau könnte ich auch ganz gut leben,
Blau wie der Himmel und das Meer scheinen, wie das Wasser in den großen und kleinen Flüssen, wie deine Augen und wie die Seen, die sich in die Landschaft schmiegen.
Frisch und bewegt und lebendig, wie eine Quelle, die den tiefsten Durst zu stillen vermag.
Amen.