Auf meinem Lieblingsbild von ihr steht sie auf einem Felsvorsprung, ein Fernglas an die Augen haltend. Eine große, schlanke Gestalt. Ihr Rock weht leicht im Wind. Rechts von ihr der Pavillon, darin jemand, der in die gleiche Richtung schaut. Vielleicht mein Großvater. Vielleicht jemand anders. Die Aussicht, die beide betrachten, verrät das alte Foto nicht. Ich weiß nicht, was sie in dem Moment gesehen hat. Ob da ein großer Wald war oder zerklüftete Felsen oder ein See, vielleicht auch eine Stadt? Die Aufnahme ist schwarz-weiß. Sie erzählt nichts von den Farben, die sie umgeben haben. War es Sommer? Oder ein ungreifbar schöner Herbst, wie in diesem Jahr?
Als ich am Sonnabend mit Ross zu meiner Familie fuhr präsentierte sich die heimische Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Sonnendurchflutete Weiten, der Fluss und die Wiesen glitzerten, das Grün satt und frisch. Links und rechts der Straße leuchteten die Bäume in gelb und rot, ein richtiges Farbspektakel, fast zu schön, um wahr zu sein. Ich hab schon immer Schwierigkeiten, den Herbst kommen zu lassen. Meine Großmutter nahm die Jahreszeiten, wie sie kamen. Das gehört eben dazu. Meine Großmutter wurde 90 Jahre alt.
Zwischen diesen Hügeln, Wiesen und Wassern spielte sich der Großteil ihres Lebens ab. Hier ging sie mit ihren Freundinnen zum Tanz. Fuhr mit dem Rad, ihrem Mann und ihren Kindern und später auch mit mir in die nächste Stadt zum Eisessen. Kannte die kürzeren Wege durch den Wald. Schaute den anderen beim Baden zu. Mit etwas Abstand, aber lachend.
Ich erinnere mich an ihre Hände, wie sie früher waren. Schlanke Finger, immer etwas rau. Vielleicht waren das auch Spuren von der Feldarbeit bei ihren Eltern und später bei meinem Großvater. Wenn sie von ihrem ersten Zuhause erzählte, kam es mir vor wie ein Märchen. Ein kleines Haus in einem Ort an einem fremden Fluss. Zwei Brüder. Eine Schwester. Es gab einen zahmen Raben, der sprechen konnte.
Ihre Stimme klingt mir noch in den Ohren. Die war auch immer etwas rau. Zum Schluss hat sie wenig mit mir gesprochen. Manchmal hat sie einen Scherz gemacht und lächelnd die schmalen Schultern hochgezogen und ihre Augenbrauen auch.
Auf dem Hof hinter dem Haus hingen am Sonnabend ihre Nachthemden an der Wäschespinne. Helles Rosa. Weiß. Sie waren das Erste, was ich beim Ankommen sah. Mein Onkel hatte sie am Vormittag noch gewaschen und aufgehangen. Damit sie welche hat, wenn sie nach Hause kommt.
Der Hof ist ein blühendes Paradies. Ihr Sohn (mein Onkel) hat vor ein paar Jahren seinen grünen Daumen entdeckt. Zwischen Blumen in allen Farben und Formen ist meine Großmutter ganz langsam weniger geworden. Weniger aufrecht. Weniger stark. Weniger sie selbst, wie ich sie kannte. Mehr wie ein Kind. Mit großen Augen, mal staunend, mal misstrauisch. Manchmal hat sie große Angst bekommen, wir wissen nicht wovor. Dann hat es geholfen, wenn man sie in die Sonne zwischen die Blumen oder an das Ufer des Sees gesetzt hat. Licht hilft gegen Dunkelheit. Wärme gegen Kälte.
Meine Mutter, mein Onkel und ich saßen am Sonnabendnachmittag vor der Haustür und blickten in den Hof. Auch wir waren weniger geworden. Die Wäsche hatten wir reingebracht, den Anblick hielt keine:r aus. Die Herbstsonne tauchte alles in warmes Licht. Die dürren Bäume wogten knarrend im Wind. Eine fehlte.