ploetzlichpfarrerin

  • Überraschungen

    März 29th, 2015

    In der letzten Woche habe ich zum ersten Mal bei einem Krankenbesuch Abendmahl gefeiert. Das habe ich bisher noch nie gemacht, die Dame hatte es sich sehr gewünscht also los ging es mit der Vorbereitung. Zum Abendmahl braucht man Abendmahlsgeschirr und Brot (Hostien) und Wein oder Traubensaft. Ich besitze noch kein eigenes Abendmahlsgeschirr, also habe ich hier im Pfarrhaus herum gesucht und schließlich – zu meiner Überraschung-  einen Koffer mit Geschirr to go entdeckt.

    Dieser Koffer (von außen wie ein Aktenkoffer, seeehr lässig) ist ein kleines Wunderding: man macht ihn auf und dann liegen darin gut sortiert ein zusammensteckbares Holzkreuz, zwei Mini – Kerzenständer, ein kleiner silberner Kelch und eine Patene (so ein Tellerchen für die Hostien). Außerdem eine winzige bauchige Vase für den Wein, den man mit einem Korken zumachen kann (sieht nicht sehr vertrauenserweckend aus, deshalb bleibt sie leer)  Streichhölzer und Kerzen haben auch noch Platz und als ich zum ersten Mal in den Koffer geguckt hab, lag auch eine Tüte mit Hostien drin.

    Diesen Koffer habe ich in unserm Archiv gefunden. Das Archiv ist ein kleiner, verdunkelter und muffig riechender Raum, in dem wild durcheinander gestapelt original Lutherbibeln (früher, ganz früher hatte die Gemeinde mal viel Geld), alte Gesangbücher und Teile von Kirchenschätzen (Bilder, Skulpturen, Leuchter) herumliegen. Man müsste dringend mal aufräumen, das hat seit einigen Jahren niemand mehr getan und deshalb betrachtete ich die Hostien skeptisch: sind die überhaupt noch gut? Andererseits – können Hostien überhaupt schlecht werden? Ich tausche das alte Tütchen sicherheitshalber gegen ein mir neuer erscheinendes (wer weiß von wann das ist?), das neben anderen alten Kostbarkeiten liegt. Nun brauche ich nur noch Wein und Saft, den ich im Supermarkt um die Ecke besorge. Dass ich im Discounter Abendmahlswein besorge finde ich schon etwas strange, aber irgendwoher muss das Zeug ja her kommen. Das zusammensteckbare Kreuz tausche ich noch gegen das kleinere, aber schönere selbstgeschnitzte Kreuz, das mir ein Freund zur Ordination geschenkt hat und dann kann es losgehen.

    Als ich im Wohnzimmer bei Frau T.  ankomme überraschen mich zwei leuchtende Altarkerzen und ein großes Kruzifix auf dem Wohnzimmertisch (was Leute nicht alles in ihren Wohnung haben!). Nach dem Abendmahl überrascht mich, dass die Dame Lust hat mit mir gemeinsam Lieder aus dem Gesangbuch zu singen. Und danach überrascht mich, dass die Dame auch noch Lust hat, mir etwas vorzusingen. Ich sitze auf ihrem durchgesessenen, alten Couchstuhl, blicke auf das erleuchtete Kreuz und lausche den alten Glaubensliedern, die es in keinem Buch mehr gibt. Frau T. singt vorsichtig, bei den hohen Tönen bricht die Stimme manchmal weg. Aber sie hört nicht auf, sie singt immer bis das Lied vorbei ist. Tolle Frau,  denke ich, als ich mit dem Wunderkoffer losgehe.  Nicht überraschender Weise hatte ich natürlich Schwierigkeiten, Kelch und Patene wieder so in den Koffer zu tun, dass er auch zu geht. Aber Übung macht bekanntlich den Meister, beim Abendmahlfeiern, bei Wunderkoffern und bei den Überraschungen, die wohl noch auf mich warten werden.

  • Zielgruppenerweiterung im ländlichen Raum

    März 26th, 2015

    Seit gestern befinde ich mich offiziell im Ostermarathon. Nächste Woche liegen ab Gründonnerstag fünf Gottesdienste an. Pro Gottesdienst rechne ich ungefähr mit 8 Stunden Vorbereitungszeit. Nebenbei laufen diverse andere Dinge: Termine wegen des großen Gemeindeprojekts, mein erster wackeliger Versuch jemanden einzustellen, das Privatleben, ein von den Konfis selbstgestalteter Gottesdienst nächsten Sonntag (ich glaube, ich bin aufgeregter als sie)  und noch viel Unvorhergesehes.

    Heute war Letzteres besonders stark vertreten: Von der Gründonnerstagsplanung werde ich durch Klingeln an der Tür abgelenkt, kurz danach sitze ich unten im Büro mit dem Presbyteriumsvorsitzenden und wir gehen die neue Friedhofsordnung durch. Zahlen verwirren mich. Menschen die anrufen und nach der Friedhofsordnung fragen  verwirren mich noch mehr („Ja, ich gucke mal nach und melde mich dann.“ Was im Moment nicht passiert weil: totale Ahnungslosigkeit). Also sprechen wir über Einzel – und Doppelgrabstellen, den Einmalbetrag und Betriebskosten und Verlängerungskosten damit meine Verwirrung weniger wird. Plötzlich taucht ein junger Mann im Flur auf. Ich gucke genauer hin – und tatsächlich! Eindeutig jemand unter 40. Ich bin schon fast wieder neu verwirrt, sowas habe ich hier bisher noch nie zu Gesicht bekommen. Der Presbyteriumsvorsitzende und er kennen sich aber schon. Wie sich herausstellt, ist der nämlich öfter da. Man begrüßt sich freundlich. Und dann ist die Kacke am dampfen. Ich untertreibe nicht, im folgendem Gespräch (man bedenke den Sprung von Gründonnerstag, Zahlenwirrwarr und dem was jetzt kommt)  taucht mindestens 6 Mal das Wort“Kacke „auf. Und daneben das niedliche Wort „Mausohren“. Diese Mausohren haben mit der Kacke zu tun, die haben es sich nämlich im Dachstuhl unserer Kirche gemütlich gemacht und dabei kacken sie ordentlich den Boden zu und deshalb ist der junge Mann jetzt da und bringt die Kacke raus („Säckeweise Kacke“). Seit einer Weile liegt da jetzt Folie, damit man die Kacke besser wegmachen kann. Mit seinen Händen deutet er die Höhe der Kackeablegerung an, wie sie vor ein paar Jahren mal war (ich schätze so 40cm). Jedes Mal wenn er Kacke sagt zucke ich ein bisschen zusammen. Ich wusste gar nicht, dass ich so zart besaitet bin, oder ich bin nichts mehr gewöhnt in meiner flauschigen Gemeindewelt.  Aber tiefgehender ist eine andere Erkenntnis: Ich predige mehr Fledermäusen als Menschen das Evangelium. In diese wunderschöne Kirche kommen sonntags vielleicht 20 Senioren und Seniorinnen,  aber die Fledermäuse (150!) wollen aus der Kirche gar nicht mehr raus, die bleiben zwischen Sonntag und Sonntag quasi erwartungsvoll in den Bänken sitzen/ an den Balken hängen. Und im Gegensatz zu den Menschen sind die Fledermäuse fruchtbar und mehren sich.

    Von der Kacke und den Friedhöfen schwirrt mir der Kopf. Ich will gerade wieder hoch zurück an den Schreibtisch (Gründonnerstag!), als mich die Dame, die bei uns putzt abfängt und in die Teeküche einlädt. Weil ich die Regionalzeitung abonniert habe, haben wir nämlich seit gestern eine fancy neue Kaffeemaschine, Frau N. hat ein paar Pads dafür besorgt und nun können wir sie ausprobieren. Eine kleine Pause gönne ich mir und wer weiß schon, wo der Geist gerade wieder unterwegs ist. Ich schlürfe den heißen Kaffee und knabbere an einem Keks. Dann erzähle ich ihr von dem jungen Mann (den sie natürlich schon lange kennt) und der Kacke und Frau G. lacht laut los: „Das ist mir auch schon aufgefallen! Immer spricht der von Scheiße.“ Ich zucke wieder ein bisschen zusammen (was ist eigentlich los mit mir? Ich habe vor ein paar Jahren einen Song über besch… Tage geschrieben!), lache dann mit und stelle mir vor, das nächste Mal mit auf den Dachboden zu klettern um die Mausohren mal anzugucken.  Von der Kacke kann ich ja absehen.

  • Das Leben der anderen

    März 26th, 2015

    Letzte Woche fiel mein freier Samstag leider der Gottesdienstplanung zum Opfer. An sich ist das schon betrüblich, aber es war extra betrüblich, denn der Liebste war angereist und in mir schlummerte die Hoffnung, dass mich ein kleiner Schubs vom Heiligen Geist binnen 3 Stunden zur perfekten Predigt führen wurde. Der Geist weht bekanntlich wo er will, letzten Samstag hatte er scheinbar besseres zu tun, als bei mir vorbeizugucken. Also quälte ich mich bis in den späten Nachmittag mit dem Predigttext herum. Und danach dann Filmabend. Allerdings nicht auf meiner schönen grünen Couch mit dem Liebsten, sondern in einem der Dörfer. Genauer:  in dem Dorf mit dem Zaun. Dieses Dorf braucht gerade besondere Aufmerksamkeit, weil es bei der Gottesdienstplanung übersehen wurde  und  zudem ist es  am Weitesten vom Pfarramt entfernt, weit in der Pampa.

    Als ich ankomme ist die kleine Kapelle schon gut gefüllt. Einige kenne ich aus anderen Dörfern, viele aber noch nicht. Der Organisator nimmt sich meiner an, zeigt nicht ohne Stolz das Gebäude. Und dann zeigt er den Anwesenden nicht ohne Stolz die neue Pfarrerin. Einige applaudieren daraufhin (weird!) und ich versuche davon nicht allzu irritiert ein paar nette Worte von mir zu geben. Dann setze ich mich auf einen freien Stuhl, der Organisator setzt sich rechts neben mich und los gehts.

    Gezeigt werden Laien- Aufnahmen eines mittlerweile verstorbenen Dorfbewohners aus den 60er bis 80er Jahren. Aufgenommen mit einer 8mm-Kamera. Größtenteils schwarz-weiße Filmaufnahmen die das Leben in dem Dorf zeigen (Titel: „So leben wir in…“. )Zu Beginn das Wichtigste: die Landwirtschaft. Männer die eigentlich immer rauchen und/oder Schnaps trinken auf Traktoren, neben Traktoren oder hinter Traktoren und  Frauen mit Kopftüchern die auf den Feldern das Getreide (vielleicht Weizen) in pyramidenartige Haufen stellen. So hat man das früher gemacht, erklärt mir der Organisator. Er sagt mir auch, wie diese pyramidenartigen Haufen im Fachjargon heißen. Schon einen Moment später habe ich das neu gelernte Wort vergessen, denn mich beschäftigt die Frage, warum damals eigentlich alle Menschen so klein und stämmig waren. Von der Statur her sehen da alle komplett gleich aus, irgendwie quadratisch.  Die mussten ja schwer körperlich arbeiten, hatten nie frei und mit Überflussgesellschaft und tonnenweise Fleisch war es damals ja noch nicht weit her. In diese Überlegungen hinein von rechts immer weitere Informationen zu den Traktoren und den anderen technischen Gerätschaften und wie diese sich seither entwickelt haben. Ich nicke und hoffe ich sehe dabei halbwegs interessiert aus. Aus dem Rest des Raumes erklingen immer wieder erfreute Rufe „Das ist ja der Hans!“ „Ist das nicht Dorchen?!“ Auf der Leinwand geht es mittlerweile um das gesellschaftliche Leben im Dorf. Heute gibt es schon seit Jahren keinen Bahnhof mehr (das weiß auch Google maps, deshalb findet man ihn bestimmt auch nicht), die Kirchengemeinde besteht aus knapp einer handvoll Menschen. Damals: das sprudelnde Leben. Ein Fest wird gefeiert, die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps, die Frauen lachen und trinken Schnaps und alles ist voll mit Kindern. Zusammen mit der Heimatfilm-Soundtrack-artigen Hintergrundmusik gerate ich in gefühlsduselige Stimmung. Diese Sonne damals! All die glücklichen Menschen! Und die Kinder, so frei und braungebrannt auf ihren Rollern in diesen Lederhosen. Andere Sequenzen zeigen ausgelassene Faschingsumzüge. Das ganze Dorf ist unterwegs, in den verrücktesten Kostümen und die Männer rauchen und/oder trinken Schnaps und die Frauen lachen und trinken Schnaps. Es sieht wirklich nach einer großartigen Zeit aus. Wenn gerade keiner rauchend oder Schnaps trinkend gezeigt wird, dann ist er oder sie gerade am Essen. Fatal –  zu diesem Zeitpunkt habe ich nämlich schon einen Bärenhunger. Zuhause wartet der Liebste und das Essen, ich schaue unauffällig auf die Uhr auf dem Smartphone. Schon 45 Minuten und kein Netz. Abgeschnitten von der Deutschen Bahn, abgeschnitten vom Mobilfunk – die haben es echt nicht leicht hier. Der Film handelt mittlerweile von der freiwilligen Feuerwehr. Ich freue mich, denn jetzt trinkt und raucht man weniger und trägt diese lustigen alten Schutzuniformen, mit denen der Gang so lustig watschelig ist. Ein Wettbewerb zwischen mehreren Feuerwehrsvereinen wird gezeigt. Von rechts: „Wenn man nicht bei der Feuerwehr ist, ist man ein Niemand.“ Soso. Übrigens sind auch meine lieben Konfirmanden bei der Feuerwehr, das Gerücht hält sich also noch bis in die Gegenwart. Männer werfen im Film  Schlauchrollen durch die Gegend, schleppen Pumpen, eine Stoppuhr wird gedrückt. Keine Ahnung wer gewonnen hat. Nächste Szene: wieder ein Fest im Dorf, wieder Kinder und Glückseligkeit. Und dann wieder Feuerwehr. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Mittlerweile ist der Film farbig. Mein Hunger macht mir wirklich zu schaffen und zum 50.Mal sehe ich  nun einen Feuerwehrmann seine Schlauchrolle durch die Gegend werfen. Von rechts: „die Feuerwehr ist wirklich wichtig.“. Meine Gefühlsduselei nimmt ab, das kann auch mit dem mittlerweile fast schmerzlichen Hunger zu tun haben. Der Film endet dann auch bald und ich bin froh, mich auf den Weg machen zu können.

    „Haben Sie denn schon unsere Gaststätte gesehen?“ „Sie haben hier eine Gaststätte?!“ (Keinen Bahnhof, kein Netz, keine Menschen, aber eine Gaststätte – schon beachtlich) „Kommen Sie, ich zeige sie ihnen.“  „Aber nur kurz, ich will bald nach Hause“ So verschiebt sich meine Heimfahrt um ein Glas Wasser, obwohl ich lieber Schnaps gehabt hätte ( „Da da da da da da gehn wir hin.“) . Dafür kann ich da rauchen. Und das ist nun wirklich seltsam. Die Versammelten rauchen alle, ich werde eingeladen es ihnen gleich zu tun und freue mich. Ich drehe selber und das finden die Anwesenden so spannend, dass mir alle beim Drehen auf die Finger starren. „So fingerfertig“ „Ganz schön geschickt!“ Überaus surreal, denn meine Selbstgedrehten sehen tatsächlich aus wie Joints und das vollkommen unbeabsichtigt (ich kann nämlich keine Joints bauen). Aber wenigstens ein Bedürfnis, das gestillt wird, ich versuche mich zu entspannen und nicht alle 10 Sekunden auf die Uhr zu gucken. Nebenbei erfahre ich, dass hier tellergroße Schnitzel zubereitet werden. Was ich an sich zwar eher unappetitlich finde, aber in dem Moment hätte ich so ein Teller-SchniPo glatt geordert, hätte ich genug Geld dabei gehabt und hätte nicht zuhause der Liebste gewartet. Nach einer Weile reiße ich mich los und verabschiede mich.  Work-life-Balance – das leben Andere.

  • Nach dem Examen ist vor dem Examen, nur anders

    März 22nd, 2015

    Frisch ins Pfarramt zu kommen fühlt sich für mich im Moment an wie Jonglieren. Nur, dass ich Jonglieren nie wirklich gelernt habe. Ich habe es in einer motivierten Phase mal für ungefähr 10 Sekunden geschafft mit 3 Bällen zu jonglieren. Kleine, handliche und quietschbunte  Bällchen.  Die Pfarramt-Bälle sind bisher weder klein noch handlich und es sind definitiv mehr als drei. Und als klassisches und noch dazu kirchenfern erzogenes Arbeiterkind hatte ich mit vielen dieser Bälle bisher überhaupt nichts zu tun.

    Beispiel eins: der Regionalpfarrkonvent. Super Sache, das Stichwort Regionalisierung ist ja auch gerade in der Ausbildung in aller Munde. Ich sitze also einmal im Monat mit meinen Kolleginnen und Kollegen in einem der anderen kleinen Winzdörfer dieser landschaftlich wunderschönen, menschlich aussterbenden ländlichen Region und wir planen gemeinsame Gottesdienste, oder die große, finstere Zukunft (Trommelwirbel: der Sollstellenplan). Bei den ersten Treffen bringe ich kaum ein Wort raus – der Rest redet und redet und redet. Zwischendurch kleinere oder größere dogmatische Ausführungen, theologische Grundsatzdiskussionen und ich sitze daneben und wünsche mich in die kleine (ok, geographisch eher riesige), heile Gemeindewelt zurück, in der nur ich die Pfarrerin bin und kein typischer Pfarrherr mich mit Monologen an den Rand des Wahnsinns treibt. Diese Sprache! Dieses Gebärden! Diese ganze Selbstsicherheit – äußerst befremdlich. Dennoch, so konnte es nicht bleiben. Schweigen drückt auf die Stimmung und bei schlechter Stimmung passieren mir neuerdings ja gerne Dinge mit Ulf und Zäunen. Also raus aus der Schweige-Falle. Beim letzten Treffen rege ich zu Beginn eine Blitzlichtrunde an (sehr Predigerseminars-Stil, aber das ist ja nicht immer schlecht). Die Damen und Herren sind begeistert und los gehts. Entweder das Predigerseminar ist bei denen schon viel zu lange her (alle mindestens 10 Jahre im Amt) oder sie können sich einfach nicht zurückhalten. Jedenfalls geht kein Beitrag kommentarlos über die Bühne, es entspinnen sich wieder Reden, Reden, Reden und Diskussionen. Nach 45 Minuten (!) Blitzlichtrunde von 6 Beteiligten bin ich informiert, mit was die anderen so zu tun haben und was  alle anderen darüber denken. Und ich hab endlich frei von der Leber weg erzählt,  mit welch irren Dingen ich hier so zu tun habe, und habe dafür wärmendes, kuscheliges Mitleid erhalten. Für den großen Regionalgottedienst such ich jetzt ein paar schöne, frischere Lieder aus und biete an, sie mit Gitarre zu begleiten. „Was? Das kannst du auch noch?“ „Ja, ich bin Musikerin, das hab ich schon oft gemacht“. Tatsächlich – ich erhasche ein paar aufmerksame, teils bewundernde Blicke und fahre mit Ulf danach zufrieden und unbeschadet zurück.

    Beispiel zwei: Kontaktaufnahme mit dem Amtsdirektor. Schlau ist es ja, sich als Kirchengemeinde mit der örtlichen Gemeinde irgendwie gut zu stellen und im Idealfall coole Kooperationen zu basteln. Vor dem Termin rutsche ich aufgeregt auf dem Stuhl im Flur hin und her, denn ich will nicht nur Smalltalken, sondern ihm ein Anliegen schmackhaft machen („um Amtshilfe bitten“). Eines unserer Archive braucht einen neuen Raum und in einem der Gebäude der Stadt wäre noch Platz. Der Direktor leidet  noch sicht- und hörbar unter den Resten einer Grippe. Ich weiß bisher nicht, wie man solche Gespräche taktisch klug führt, am Anfang reden wir über Allgemeines, seinen Job, meinen Job und die Parallelen, die beide haben (ein zu großen Gebiet, Menschen die eigentlich mehr Nähe erwarten). Irgendwann traue ich mich, das Archiv anzusprechen und oh Wunder – er ist offen. Allerdings nicht so offen wie ich es mir gewünscht hatte, totale Mietfreiheit wird es nicht geben, aber es wird günstiger als jetzt. Im Verlauf des Gespräches erfahre ich, dass er auch gerne mehr Kontakt mit der Kirchengemeinde haben würde, er bietet sogar an, mal im Presbyterium vorbeizuschauen. Ich bin freudig überrascht und erfahre von ihm im weiteren Verlauf noch Nützliches über die Leute hier und ihr Wahlverhalten: 10 % NPD. Hmpft.

    Beispiel drei: Diese Woche bin ich in eine große Stadt, in ein großes Ministerium gefahren und habe mit wirklich großen Leuten über die Zukunft eines unserer Gemeindeprojekte diskutiert. Einer der wichtigen Männer (er meint, er wäre der wichtigste) hat mit diesem Projekt so allerhand vor, was er allerdings mit niemandem sonst abspricht. Er hat selbstständig ein neues Konzept für dieses Projekt erarbeitet und darum soll es nun gehen. Ich habe mir vorgenommen, seine großen Pläne möglichst charmant auszubremsen, denn intern überlegen wir gerade, wie dieses Projekt überhaupt weiter laufen kann. Außerdem habe ich einen Spickzettel mit schlauen, kritischen Anmerkungen über dieses Konzept von demjenigen aus der Gemeinde, der das Projekt seit Jahren betreut und sich mit allem auskennt, besser als der wichtige Mann mit dem neuen Konzept. Bevor ich in das Haus gehe sitze ich in der Sonne und rauche nervös, mein Mund ist ganz trocken. Ich fühle mich wirklich wie vor einer großen Prüfung, wie im Examen. Dass ich kleine Wurst mal für meine Gemeinde  in einem Ministerium abhängen würde, ich hätte es nie für möglich gehalten. Im Raum gibt es Kaffee und Kekse. Kaffee ist gut, Kekse schlecht (der trockene Mund). Zu Beginn stellt der wichtige Mann sein Konzept vor, dann ist Zeit für kritische Nachfragen. Ich brauche eine Weile um meinen Mut zu sammeln, die anderen sind schon kräftig am Nachfragen. Ich merke, wie  aufgeregt ich bin, wegen der Situation aber auch weil ich mich über diesen Mann so ärgere. Und ich schaffe es mich zu Wort zu melden, bestimmt 3,4 Mal. Am Ende ist der wichtige Mann verdächtig still, die anderen Akteure beratschlagen gemeinsam über das Projekt, mir wird viel Unterstützung signalisiert, großartig. Das neue Konzept muss in jedem Fall erstmal warten. Ich bin glücklich. Vom Gefühl her hätte ich jetzt kurz den Raum verlassen müssen um dann hinterher noch mal reinzugehen und meine Note zu erfahren. Aber das passiert nicht. Stattdessen esse ich ein paar Kekse, der wichtige Mann ist weg, die anderen noch da und ich gebe mein Bestes im Netzwerken. Ich versuche mitzuspielen und diesen Ball  nicht fallen zu lassen. Für mich, das Projekt und die Gemeinde. Statt nach gelungener Prüfung erstmal einen Sekt zu trinken und hinterher lecker essen zu gehen fahre ich ausgehungert (zu wenig Kekse) mit dem Zug zurück nach Hause. Und schreibe dort die Ansprache für die nächste Bestattung.

  • Tage, die hätten anders sein können

    März 21st, 2015

    Wenn man den Tag damit beginnt, statt Milch Apfelsaft in den Kaffee zu kippen, ist das ja schon mal nicht der hoffnungsvollste Anfang. Der Kaffee schmeckte also durchaus seltsam, draußen war es trübe grau und vom gestrigen Gesprächsmarathon (die Zukunft! Die Region! Das Geld!) hatte ich mich nur mittelmäßig erholt. Bombenstimmung also bei mir  – genau richtig für zwei Geburtstagsbesuche ( die ja im Idealfall dem -> Gemeindeaufbau dienen sollen)

    Nummer eins (Herr Fritz, unser Prädikant, grundsympathischer Mensch)  heut vormittag, mit Männertreff, aber Frauen (Frau Fritz, Frau Meier aus dem Gemeindecafé, ich) durften auch dabei sein. Ich komme um halb elf an und die Herrschaften sitzen schon wild diskutierend mit Bierfalschen am reich gedeckten Tisch. Ich sinke auf die Couch neben einen anderem Senior und bestaune Gulasch, Kartoffelsalat, Kassler, Kuchen und Käseplatten – super! Nur zum Essen komme ich gar nicht wie ich will, denn schwupps befinde ich mich mitten in einer hitzigen Debatte über die Lage des Dorfes („Die Kinder fehlen!!“), die Lage des Landes jetzt („Warum sollten Frauen in die Politik? Die sollen doch besser Kinder bekommen! Kinder fehlen ja auch!“), die Lage des Landes zu DDR-Zeiten („Da gab es noch mehr Kinder! Und mehr Arbeit! Und weniger moderne Maschinen, die den Menschen die Arbeit wegnehmen“) und richtig brisant wird es zur Lage des Landes zu Zeiten des Nationalsozialismus, es geht um die Umsiedlungspläne, Flüchtlingsbootsgeschichten, Madaskar, so Sachen.  Die Runde ist mittlerweile auch auf Pfeffi umgestiegen und die Stimmung entsprechend gelöst. Und der Mann neben mir sagt: „Aber die Juden haben ja auch Einiges dazu getan“ Ich, noch völlig ahnungslos in welche Richtung es gehen würde:  „Wie meinen Sie das?“ „Mein Vater hat erzählt, dass er bei einem Hauskauf dem Juden aus dem Dorf zweimal Geld geben musste“ Ich beginne zu ahnen, in welche Richtung und setze mich etwas aufrechter auf die Couch „Selbst, wenn das so war, dann kann man das doch so nicht verallgemeinern..!“ Der Mann neben mir auf der Couch setzt an: „Doch..Da gibt es noch viele Geschichten. “ Die anderen Herren vom Tisch stimmen zu oder auch nicht, es geht in einem allgemeinen Gemurmel unter. Herr Fritz springt ein „Wir sollten das Thema wechseln..“ Frau Meier sagt, ich solle doch noch was essen, ich käme ja gar nicht dazu. Aber mit dem Appetit ist es jetzt nicht mehr besonders weit her.

    Nummer zwei wohnt in dem am weitesten entfernten Dorf meines Gebietes. Die Dame ist unlängst 80 geworden und wohnt in einem Haus in der Nähe des Bahnhofes (laut Auskunft das fünfte links nach dem Bahnhof). Dieser Bahnhof ist wie so Einiges hier seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Auch Google-Maps kennt den Bahnhof nicht und deswegen brauche ich zwei Touren zick zack durch das Dorf und zwei Mal Nachfragen bis ich ihr Haus wirklich finde: Verspätungszeit 30 Minuten. Das Gespräch ist nett, der Kaffee heiß und der Kuchen schmeckt. Nach einer Stunde (man lernt ja schließlich dazu) mache ich mich wieder auf den Weg und werde, während ich Ulf startklar mache, argwöhnisch von einer Mutter und ihrem Jungen beobachtet. Während ich versuche rückwärts von der Wiese auf den schmalen Weg zu fahren kommen sie langsam näher und starren mich weiterhin unheimlich an. Als ich dann vor lauter schlechtem Tag und schlechter Laune und dem dringenden Bedürfnis endlich hier wegzukommen hinten gegen den Zaun fahre, muss ich doch noch einmal raus. Kontaktaufnahme:  Mutter und Junge starren mich weiter wortlos an. „Guten Tag“. „Wer sind Sie?“ „Die neue Pfarrerin, und eben bin ich gegen diesen Zaun gefahren“ „Ach so, wir dachten Sie wären von den Zeugen Jehovas, die kommen hier nämlich auch immer her“ Im dem Moment wäre ich tatsächlich lieber jemand von den Zeugen als die neue Pfarrerin, die erst seit ein paar Monaten Auto fährt.

  • Rollenkonflikte

    März 9th, 2015

    Bevor ich Pfarrerin auf dem platten Land wurde war ich Vikarin in einer Stadt. Kirchenmusikalisch liegt in dieser Stadt das Gewicht eher im klassischen Bereich, qualitativ hochwertig – für mich nur eher uninteressant. Damit ich mein Rockstar-Ich (das gibt es nämlich auch noch) dennoch nicht vernachlässigen musste und neben der Arbeit in der Gemeinde ein weltlicher Bezug gesichert war, gründete ich mit ein paar lieben Leuten einen Chor. Einen Kneipen-Chor. Ziel der Sache: entspannt üben und singen und in Kneipen auftreten. Und dabei Bier trinken. Sowohl beim Üben als auch in der Kneipe, aber das ist ja selbstverständlich. Für meine erste Stelle als Pfarrerin auf dem platten Land musste ich diesen Chor leider zurücklassen. Die Mittwochabende in der  Runde fehlen mir doch sehr, nicht nur der Musik wegen, auch wegen der Leute.

    In dieser Gemeinde gibt es auch einen Chor. Durchschnittsalter 70. Zwei Männer. 15 Frauen.  Es gibt einen Chorleiter, der immer Montags kommt und dann werden ganz klassisch Kirchenlieder gesungen. Aus dem Kneipenchor bin ich mehr Pop und Indie-Musik (Coldplay! Metronomy! Fleet Foxes!) gewöhnt, aber was solls. Für die Leute hier im Ort ist das super nett, die freuen sich wenn der junge Mann (der Stefan, 43?) kommt und ihnen ein bisschen einheizt. Und ich bin dabei und freue mich auch. Vor allem wenn ich Parallelen zwischen dem Gemeindechor und meinem geliebten Kneipenchor entdecke. Es ist vollkommen altersunabhängig, bei einer Chorprobe wird dazwischengequatscht und rumgegackert was das Zeug hält. Auch wenn kein Bier im Spiel ist. Manchmal bemitleide ich Stefan, wenn er erfolglos und wild gestikulierend versucht Ruhe in den wilden Haufen zu bekommen und erinnere mich milde lächelnd an meine Zeit als Chorleiterin.

    Heute war Stefan aber verhindert und deshalb bin ich spontan eingesprungen. Die Kombination aus meinem Gitarrenbaby und einer sangesfreudigen Meute bewirkte ein erstaunliches Flashback in mir. Plötzlich war ich nicht etwa Pfarrerin, nein – ich war Chorleiterin. Aber auch nicht etwa die Chorleiterin vom Gemeindechor, nee nee, ich leitete den Gemeindechor wie den Kneipenchor. Ohne Bier. Aber mit genau der gleichen Stimmung. Von wegen Pfarrerin und gewählte Sprache und ich bin jetzt mal souverän. Pustekuchen. So viele dumme Sprüche hab ich seit Langem nicht mehr geklopft, meine Güte („Haben Sie Bock auf Taizé?“). Nun ja, die junge wilde Pfarrerin eben, die vielleicht doch besser hätte Rockstar werden sollen, wer weiß.

    Aber die Truppe ließ sich netterweise auf alles ein (sämtliche Aufwärmübungen inklusive Gesichtkneten, Körper abklopfen, was nicht alles)  und zum Ende liefen sie auch zweistimmig singend durch den Raum und sahen fröhlich dabei aus. Ohne Stefan kriegen wir das mit dem Chor hier also auch irgendwie  hin. Aber ich bekomme das passende Chorleiterin- Sein ohne den Kneipenchor eindeutig nicht hin.

  • Pfarrerin allein zuhaus

    März 8th, 2015

    Dieses Wochenende hätte ein schöner, kleiner Kurzurlaub werden können. Hamburg, der Liebste an meiner Seite, einen 30. Geburtstag feiern, Tanzen und nochmals so tun, als wäre ich nicht gerade frisch im Pfarramt. Dagegen sprachen zwei Gottesdienste heut vormittag und der 91. Geburtstag eines Gemeindegliedes heut nachmittag.

    Ich hatte große Pläne für meinen gestrigen freien Samstag: endlich die Wohnung aufräumen (nächste Woche bekomme ich Besuch!), in Ruhe Zeitung lesen (als Pfarrerin muss man schließlich informiert sein was in der großen weiten Welt – deshalb Zeit-Abo – und in der kleinen hiesigen Welt – deshalb Regionalzeitungs-Abo so vor sich geht), den Blog versorgen, Spazieren gehen und irgendwie runter kommen von dieser Woche. Geklappt hat: ein bisschen Zeitung lesen, Bloggen, der Spaziergang und immerhin der dringend nötige Abwasch. Die Idee einer Pfarrfrau für mich setzt sich weiter in meinem Kopf fest – bei Interesse, bitte melden.

    Heute also die zwei Gottesdienste und nachmittags der Geburtstagsbesuch. Nach zwei überstandenen Gottesdiensten fühle ich mich meistens  immer schon etwas entrückt. Da kommt dann so eine ganz schwere Müdigkeit auf, wie ich sie sonst nur nach einem langen Tag am See mit viel Schwimmen kenne. Nach vollbrachtem Dienst also so schnell wie möglich so viel wie möglich essen (ich sag ja, es echt wirklich wie nach dem Schwimmen) und dann ratzfatz ab ins Bett. Danach geht es dann meistens besser, aber so eine Grund-Matschigkeit bleibt den ganzen Tag und viel ist dann eigentlich nicht mehr mit mir los. Heute musste ich mich aber noch einmal aufrappeln und zum Geburtstagsbesuch fahren, denn nächste Woche ist dafür keine Zeit. Ulf (mein Auto) und ich fahren also los, müssen nochmal tanken und dann über viele, viele Dörfer  zum Geburtstagskind. Ich komme 20 Minuten später an als geplant, es waren wirklich viele Dörfer. Gemeinsam mit einem Presbyteriums-Mitglied komme ich bei Frau Krabbe an.

    Normalerweise bleibe ich ungefähr eine Stunde bei einem Besuch. Bei Frau Krabbe waren es heute geschlagene 2,5 Stunden. Ich war so müde und matschig, ich hab den Absprung nicht geschafft. Man sagte uns in der Ausbildung, ein gutes Seelsorgespräch dauert eine Stunde. Danach kommt nichts Neues  mehr vom Gegenüber und man selbst kann auch nichts mehr aufnehmen. Frau Krabbe hat  mit ihren 91 Jahren natürlich unglaublich viel erlebt und wie das im Alter manchmal so ist, ist die Vergangenheit ganz lebendig, die Gegenwart nicht mehr so. In 2,5 Stunden erzählte sie mir nicht etwa ihr ganzes Leben (manche Leute schaffen so einen Rundumschlag in 40 Minuten!), es war nur ein kleiner Ausschnitt von drei (!) Jahren: Konfirmation bis erster Kuss mit dem späteren Ehemann. Sie beschrieb alles haargenau, vom Liebesschimmer (Schnaps für die Mädels damals – cooler Name, oder?!), über die Architektur des Tanzlokals (sämtliche Treppen, wo die Türen waren, der Hof, die Laterne und ihr Licht) bis zu allen dort anwenden Menschen und ihrem Verwandtschaftsgrad zu der heutigen Geburtstagsgesellschaft. Ich gebe hier auch nur einen Ausschnitt, seid froh darum. Mit mir am Tisch sitzen in diesen 2,5 Stunden ihr Schwiegersohn, eine Freundin aus dem Dorf und das Presbyteriums-Mitglied. Während Frau Krabbe in ihren Erinnerungen schwelgt und immer weiter ausholt, beginnt die Runde am Tisch von Kaffee auf Schnaps umzuschwenken. Ich traue mich nicht, ich muss ja mit Ulf wieder heil nach Hause kommen und außerdem bin ich noch im Probejahr. Je länger Frau Krabbe spricht, desto öfter geht die Flasche Schnaps rum. Neidisch blicke ich auf die gefüllten Schnapsgläser, dann auf mein Wasserglas, die Uhr (schon viertel vor sechs!) und unterbreche Frau Krabbe unter großem Kraftaufwand. Ich gehe zur Toilette (3 Tassen Kaffee, 3 Gläser Wasser, kein Schnaps) und auf dem Weg dahin höre ich sie so weiterreden, als säße ich noch am Tisch. Als ich wiederkomme schnappe ich mir das Presbyteriums-Mitglied (ein älterer Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist) und wir verlassen einigermaßen fluchtartig den Raum. Während des Gespräches wurde er anfangs ein paar Mal mit einbezogen („Sag mal! Das war damals doch so oder?“) Aber in der letzten halben Stunde hatte auch er keine Chance mehr mitzureden, zwischendurch sah er so aus, als wäre er eingeschlafen.  Er wirkt erleichtert, als ich endlich ankündige aufzubrechen. Aber Frau Krabbe will mir unbedingt noch ihr Schlafzimmer zeigen. Ich ahne warum. „Wollen Sie mir noch ein Foto von Ihrem Mann zeigen?“ In dem kleinen Zimmer, in dem sich die Wäsche stapelt und hinten ein schmales Bett steht, sehe ich zwei Fotos an der Wand.  Frau Krabbe als junge Frau (atemberaubend schön) und Herrn Krabbe als Offizier (bis auf die Kriegsuniform ebenfalls atemberaubend schön). „Frau Krabbe, Sie waren eine wunderschöne Frau!“ „Ach, ich hatte doch so viele Sommersprossen! Wollen Sie wissen, wo mein Mann überall Sommersprossen gefunden hat?“ Ich eile aus dem Zimmer, durch den Flur nach draußen, genug ist genug.

    Von so einem Gespräch muss man auch erstmal runterkommen (ich denke, ich werde jetzt doch noch etwas Aufräumen und dabei richtig laut Musik hören. Stört hier ja niemanden). Die Liebesgeschichte zwischen Frau und Herrn Krabbe ist wirklich filmreif und ich habe das Gefühl, tatsächlich dabei gewesen zu sein vor 75 Jahren. Als das Dorf noch lebendig war, jede Woche getanzt wurde und dabei die jungen Männer die Treppe im Lokal herabsteigen mussten, um zu einem Mädchen auf der Bank sagen zu können „Darf ich bitten?“

  • Perspektivwechsel

    März 7th, 2015

    Gestern haben wir in der Gemeinde Weltgebetstag gefeiert. Glücklicherweise musste ich dafür überhaupt nichts vorbereiten. Keine Predigt, keine Gebete, nischt. Eine ehemalige Lehrerin (Frau D.) kümmert sich hier seit fünf Jahren ehrenamtlich um die Gestaltung. Sie verteilt die Lesungen, überlegt sich eine Auslegung und bringt Dinge für die gestaltete Mitte mit.

    Warum es die gestaltete Mitte in die Mitte einer jeden Andacht/Gemeindeveranstaltung geschafft hat, ist mir übrigens schleierhaft. Sie verfolgt mich penetrant seit dem Vikariat mit ihren bunten Tüchern, Kerzen und Glassteinen. Die gestaltete Mitte ist für mich  in ihrer Attraktivität gleichrangig mit der ebenso regelmäßig auftauchenden Blümchen-Steinchen-Runde am Anfang eines jeden Gesprächskreises (Blümchen=“das war schön..“, Steinchen= „das war schwer, das lege ich ab“). Sie bestätigen das Klischee und sind so vorhersehbar, wie das Amen in der Kirche. Wobei ich gegen das Amen in der Kirche überhaupt nichts habe. Amen.

    Gestern komme ich von einem verwirrendem Geburtstagsbesuch wieder ins Pfarramt. Ich hab den Mann der Jubilarin einfach überhaupt nicht verstanden. „Sie sind also Herr K.?“ „Brrrmschschhhhnnjaschnnnbrummm“ Eine Stunde lang war ich da. Eine Stunde lang hab ich mich gefragt, wie die Frau eigentlich ihren Mann versteht oder ob das bei den beiden nicht so wichtig ist.

    Ich komme also wieder ins Pfarramt und Frau D. und ihre Helferinnen sind schon fleißig beim Aufbauen. Die gestaltete Mitte ist gestaltet: große und kleine Muscheln, Batiktücher, kleine gefaltete Papierpelikane („Pelikan!Pelikan!Pelikan!Pelikan!“  Peng anyone?) und die obligatorischen Glassteine. Ich seufze leise und gehe nach oben um den Kartoffelsalat zu holen.

    Etwas habe ich nämlich doch vorbereitet: Bahamas Kartoffelsalat. Bahamas, weil Frauen von den Bahamas in diesem Jahr den Weltgebetstag ausgerichtet haben (die Lieder, die Gebete, Ideen für eine Aktion, Rezepte zum Kochen und Backen). Und seit gestern weiß ich deshalb auch, wie sich eine Pfarrfrau fühlen muss. Klassischerweise hält die Pfarrfrau dem Pfarrer ja den Rücken frei: Er versorgt die Schäfchen mit dem Wort Gottes, sie versorgt den Pfarrer mit Nahrung, Kinderbetreuung, Ordnung halten und unbezahlter Gemeindearbeit. Meistens backt und kocht die gemeine Pfarrfrau auch bei Gemeindeveranstaltungen. Und je nachdem,wie gut sie das kann, kommt sie bei der Gemeinde an oder eben nicht.

    Gestern spiele ich also einmal die Pfarrfrau, weil ich Bahamas Kartoffelsalat gemacht habe und inständig hoffe, dass die anwesenden Damen diesen Salat mögen. Als ich ihn am Abend vorher probiert habe, standen mir die Tränen in den Augen – vor Schärfe. Vielleicht war die halbe Chilischote doch eine halbe Chilischote zuviel? Mein Freund rüffelt mich regelmäßig, weil ich es beim Kochen mit der Schärfe gerne übertreibe. Und wenn ihm mein Essen schon zu scharf ist, wie soll es dann bei 70jährigen Seniorinnen sein, die höchstens mit Pfeffer würzen? Deshalb, leichte Nervosität meines Pfarrfrauen-Ichs.

    Der Gottesdienst läuft in aller Verchecktheit ganz gut. 20 Frauen aus der Gemeinde sitzen im Stuhlkreis um die gestaltete Mitte, wir singen die Lieder („Auf den Bahamas, auf den Inseln, preisen wir unsern Gott!“ Ein fieses, fröhliches Ohrwurmlied)  und lesen die Lesungen. Wobei die vielen englischen Wörter immer ganz deutsch vorgelesen werden, was mich zwischendurch immer mal wieder sehr amüsiert. Zwischen dem Evangeliumstext macht Frau D. eine dreiteilige, sehr ausführliche Auslegung. Hier erfüllt die gestaltete Mitte dann doch ihren Zweck. Während Frau D. ihren Gedanken freien Lauf lässt (tatsächlich auch schöne Gedanken, nur schleppend dargeboten) verweile ich bei der gestalteten Mitte und frage mich, wo diese großen Muscheln wohl vor diesem Gottesdienst waren und warum ich nicht da bin, wo sie herkommen. Manche der Lieder kommen von CD und sind so quietschig fröhlich, dass ich ganz irritiert bin. Rasseln, Trommeln, Flöten und karibischer  Lobpreisgesang. 20 Seniorinnen, eine gestaltete Mitte und ein kalter Raum. Einige wippen leicht mit dem Kopf zu Musik. Na immerhin. Nächstes Jahr ist Kuba dran. Ich kündige an, dass nächstes Mal dann getanzt wird und frage ob irgendjemand Salsa tanzen kann. „Ja ich!“ Eine Dame um die 60 guckt mich an. Ich sage: „Na super, Salsa macht Spaß.“ „Salsa? Ach so, ich dachte, Sie meinten Walzer.“

    Nach dem Gottesdienst ist dann für mich der große Showdown. Kommt der Kartoffelsalat an oder nicht? Ich bin kurz telefonieren, komme nach 5 Minuten wieder runter und werde empfangen mit „Ihr Kartoffelsalat geht weg wie warme Semmeln“ „Ganz lecker!“ „Wie ist das Rezept? Und was ist da drin? Sellerie? Ausgezeichnet!!“. Mein Pfarrfrauen-Ich ist ernsthaft erleichtert. Nicht auszudenken, wenn jetzt hier 20 vor Schärfe weinende Seniorinnen gesessen hätten. Ich koste den Salat und wundere mich: ich finde ihn ziemlich nüchtern. Eine der Damen winkt mir über die gestaltete Mitte hinweg zu und sagt: „die Schärfe kommt später!“

  • Widerspenstige Zähmung

    März 4th, 2015

    Das Leben im Pfarrhaus hat so seine Vor – und Nachteile. Es gibt Kollegen und Kolleginnen, die das Leben im Pfarrhaus ablehnen, weil man dann so auf dem Präsentierteller lebt und es keine echte Privatsphäre gibt. Bei vielen Pfarrhäusern kommen ja ständig neugierige Leute vorbei, gucken nach dem Rechten (die Kinder wohlauf? Der Rasen gemäht? Die Treppe gewischt? ) wollen Mittag essen oder eben mal mit dem Pfarrer/der Pfarrerin plauschen.

    Seit Januar lebe ich nun in diesem alten, denkmalgeschütztem Pfarrhaus in dem, was sich hier Stadtkern nennt. Aber mit Stadt ist es, wie schon beschrieben, nicht wirklich weit her. Größtenteils lebe und wohne ich in diesem Haus alleine. Eine Frau, ein Pfarrhaus. . Da in der Etage unten das Gemeindebüro, das Archiv (das bekommt noch mal einen Artikel für sich!) und einige Gemeinderäume sind muss ich mich, bevor ich morgens die Zeitung hole, wenigstens einigermaßen ordentlich anziehen. Den Schlüssel für das Pfarrhaus haben hier nämlich so einige Leute und ich weiß nie, wem ich unten über den Weg laufen könnte.

    Zwei Mal die Woche ist hier eine Dame, die unten die Räume ordentlich hält. Das Haus ist leider in einem so maroden Zustand, dass man die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht wirklich sieht. Die Frau ist wirklich Gold wert, denn sie weiß alles über die Gemeinde. Sie hat mindestens 4 Pfarrer hier erlebt und sie weiß, wo im Garten die Schneeglöckchen wachsen. Und sie wusste – im Gegensatz zu mir – dass man hier, wenn jemand verstorben ist, am gleichen Tag um 12 Uhr „Seelenläuten“ macht und bei der Bestattung auch läutet. Wenn sie unten ist und vor sich hin werkelt kommt manchmal ihre Tochter vorbei. Mit dem Hund. Ich mag Hunde, aber dieser Hund mag mich nicht. Unterhaltungen mit den beiden waren bisher nicht möglich, da der Hund – sobald er mich erblickte – panisch und laut bellte. Ohne Pausen, ohne Ende. Ich dachte eigentlich immer, ich sähe ganz harmlos aus  – aber wer weiß, vielleicht ist das in der Hundewelt ganz anders.

    Heute jedenfalls komme ich vormittags wieder hier an und manövriere das Auto erfolgreich in den Carport.  Das ist bemerkenswert, weil in letzter Zeit die Ein – und Ausparkaktionen bei mir nicht immer erfolgreich waren. Vor drei Wochen hab ich es geschafft, das Gartentor beim Verlassen des Pfarrgartens zu demolieren. Einmal vorne rechts mit richtig viel Schwung dagegen. Kawumm. Ergebnis: die rechte Tür des Tores hing leicht schief und ein Brett hatte sich gelöst (und eine Beule im Auto). Nichts wirklich Dramatisches, aber trotzdem war mir das ganz schön peinlich. Auf Ratschlag eines Presbyteriums-Mitgliedes übernimmt die Reparatur jetzt…der Bestatter. Ich brauchte einen Moment um zu merken warum. Klar, mit Holz kennt sich der gute Mann ja aus.

    Heute aber, wie gesagt, alles schick gelaufen mit dem Einparken. Ich öffne die Tür und wundere mich. Es riecht komisch. Hat Frau G. (die Dame für alles) ein neues Putzmittel? Ich treffe sie (und ihre Tochter)  im Flur und frage nach. Ich kann nachfragen, weil der Hund der heut früh auch da ist, nicht bellt. Er guckt nur so verschämt von unten hoch, tapert auf mich zu und wieder weg. Einige Male. Der strenge Geruch jedenfalls ist laut der Dame von einem liebeswütigem Kater, der gegen meine Pfarrtür gepieselt hat. Wahrscheinlich das Tier, was auf meinem Auto auch immer so Katzenspuren hinterlässt. Ich sage dem Hund, dass er ja mal was gegen den Kater unternehmen könnte. Hund guckt ängstlich von unten, ein Schritt nach vorne, zwei zurück. Dann sage ich dem Hund, dass ich Hunde wirklich mag und er echt keine Angst zu haben braucht. Irgendwie verschlägt es uns vier in den Garten und da: Der Hund rennt los, zweimal um den Quittenbaum, in atemberaubendem Tempo, prescht nach links ins Gebüsch und kommt mit einem Stöckchen angewetzt. Und legt es mir vor die Füße. Die Tochter sagt: „Nu ist das Eis gebrochen“. Der Hund und ich haben dann noch ein wenig Quality-time. Am Ende weiß ich, dass der Hund eine Hündin ist und Emily heißt. Emily, meine neue BFF.

  • Schwarmverhalten

    Februar 28th, 2015

    Seit zwei Jahren ist in dem kleinen Dorf niemand gestorben. Seit ich für dieses Dorf als Pfarrerin zuständig bin: schon zwei Menschen, beide mit dem gleichen Nachnamen: Schröder.  Ein winzig kleiner Friedhof mit einer noch winzig kleineren Trauerhalle. Wir erwarten an die 100 Trauergäste zur Bestattung. In das Trauerhallchen passen so 15 Leute, die anderen müssen draußen stehen. Der Bestatter wusste, dass viele Senioren und Seniorinnen kommen, also stellt er extra mehrere Bänke vor die Trauerhalle. Mit Sitzkissen, dass es noch wärmer ist. So eine Bestattung dauert ja, die Lieder, die Gebete und auch die Ansprache. Von den sechs Bänken, die er aufgestellt hat bleiben fünf frei. Auf der sechtsen Bank sitzen die mir bekannten älteren Damen aus dem Gemeindekaffee wie die Hühner auf der Stange. Aber immerhin sitzen sie, sehr vorbildlich.

    Neben der Trauerhalle hat sich die Blaskapelle aus der Gemeinde aufgebaut. Herr. M an der Posaune und dazu noch drei andere Herren. Ich habe die schon einmal gehört, die wurden mir angepriesen als „wirklich gut für einen Posaunenchor“. Wer bei Kirchens unterwegs ist, kennt diese anderen Posaunenchöre. Toröööööt. Bei meinem Vorstellungsgottesdienst Ende Januar lud ich also diesen angeblich wirklich guten Posaunenchor ein und meine Güte, ich wär vor (unterdrücktem, ja, das habe ich noch geschafft) Lachen einige Male fast vom Stuhl gefallen. So schief, neben dem Takt, das Lied bis zur Unerkenntlichkeit entstellt – sowas muss man erstmal hinkriegen. Deshalb war ich nicht wenig angespannt, wie die Truppe um Herrn M. heute spielen würde. Überraschenderweise tatsächlich ganz passabel. In der Kommunikation gewöhnungsbedürftig („Wir spielen dann bei Runterlassen des Sarges.“ „Wir spielen nicht beim Runterlassen des Sarges.“ Beim Runterlassen des Sarges spielen sie), ohne Vor- und Nachspiele bei den Liedern, aber hey. Fast kein schiefer Ton.

    Herr Schröder wird begraben, die Angehörigen verabschieden sich und alle Menschen auch. Alle 100. In dieser Zeit stehe ich am Grab und warte. Warte. Warte. Als irgendwann alle fertig sind warten alle anderen. Ich gehe vom Grab Richtung Trauerhalle und unterhalte mich leise mit dem Bestatter. Der Schwarm der Trauergemeinde wartet weiter. Sie könnten gehen, machen sie aber nicht. Der Bestatter meint, ich könnte ja irgendwas sagen. Aber was sagt man denn bitte in so einer Situation? „Ihr könnte nach Hause gehen!“? Er bringt mich auf die Idee, noch einmal zur Familie des Verstorbenen zu gehen. Als ich von da wiederkomme, mache ich den Hühnern von der Stange wedelnde Armbewegungen, dass sie jetzt gehen können. Der Schwarm gerät in endlich Bewegung. Ich setze mich danach erstmal auf eine Bank in die Sonne, mach die Beine lang und verschnaufe.

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