ploetzlichpfarrerin

  • Ein Abschied

    Januar 11th, 2016

    Crazy shit – wordpress.com gratuliert mir zum Jahrestag. Hurray!  Fast genau ein Jahr nach meinem allerersten Geburtstagsbesuch in dieser Gemeinde bei Frau Kowarska, der gleichzeitig Thema meines ersten Blogeintrags  hier wurde.

    Damals dachte ich noch, ich würde ständig Menschen zu Geburtstagen besuchen und die ganze Zeit Kuchen futtern und ratlos an Kaffeetafeln sitzen müssen. Dazu komme ich seit einigen Monaten überhaupt nicht mehr – stattdessen beschäftigen mich u.a. eine Teil-Vakanz (Konfirmanden und Konfirmandinnen mit Albtraumpotential in einer 45 Ulf-Minuten entfernten Stadt) und seit Herbst Religionsunterricht an der Grundschule im Nachbarort. Nebenbei wird die (es folgt ein ziemlich perfektes Wort für Galgenmännchen)  Wiederspielbarmachung  der Holzwurm-Marder-Orgel geplant und die Begradigung des schiefen Kirchturms von Dorf F vorbereitet.

    Fun fact: Auf dessen Spitze hat irgendjemand kurz vor Weihnachten einen Herrnhuter Stern angebracht. Keiner weiß wer und wann und wo der – oder diejenige den Kirchenschlüssel herhatte – kurz nach Weihnachten war der Stern wieder verschwunden.

    Frau Kowarska jedenfalls war im letzten Jahr immer irgendwie präsent. Wenn wir einen Gastchor  oder andere Musiker_innen zu Besuch hatten, backte sie Kuchen und kochte Kaffee. Sie brachte mir Johannisbeeren und Kirschen und Erdbeeren aus ihrem riesigen Garten. Zum Winter strickte sie mir Stulpen und dicke Socken in hellblau und grau, damit ich in den kalten Kirchen nicht immer so friere. Sie übernahm den Kirchdienst, wenn die anderen Presbyter (natürlich war sie auch Kirchenälteste)  es mal wieder vercheckt haben. Frau Kowarska ist Ende 70, so wie die meisten Gemeindeglieder. Seit langer Zeit hat sie Schwierigkeiten mit dem Laufen, Treppensteigen strengt sie besonders an. Trotzdem lief sie jeden Dienstag  – notfalls mit Rollator – zu uns ins Gemeindebüro und zählte die Kollekte und brachte sie zur Bank. Sie zählte auch jede einzelne Stufe in ihrem Treppenhaus (Wohnung im 5.Stock) und quälte sich sehr damit. Ende des Monats zieht sie fort von hier zu ihrer Tochter und deren Familie („Da ist keine einzige Stufe in der Wohnung! Ganz eben! Haben sie extra für mich gebaut.“) . Heute habe ich sie im Gottesdienst verabschiedet – mit kleiner Laudatio und Segen. Was für ein unwirklicher Moment: ich suchte passende Worte für eine Frau, die länger hier war als ich überhaupt lebe. Tränen flossen nicht nur bei ihr. Nach dem Gottesdienst sollte es eigentlich nur Kaffee geben, aber natürlich hat Frau Kowarska Kekse, Schnittchen und drei Sorten Kuchen mitgebracht. „Nun essen Sie doch noch. Mögen Sie noch Kuchen? Oder Tomate? Oder Kaffee?“  F**K-Tee gab es heute nicht. Schade eigentlich, vielleicht hilft der gegen Abschiedsschmerz.

  • Champagner und Schnittchen

    Januar 3rd, 2016

    Am  1. Januar vor einem Jahr bin ich irgendwann gegen Mittag mit einem gehörigen Kater aufgewacht. Ich lag im Bett und befühlte vorsichtig mein neues Leben: Pfar-re-rin. Alles neu, alles Wahnsinn. Meine erste Nacht im Pfarrhaus fand nach zwei Altjahresgottesdiensten in meiner Vikariatsgemeinde und einer Stunde Autofahrt als berauschendes Fest zwischen Umzugskartons, Raclette und Lagerfeuer statt- der Gang sei dank.  Um Mitternacht zogen wir mit Wunderkerzen und Raketen auf den Marktplatz und begrüßten das neue Jahr in einer scheinbar menschenleeren Stadt.

    In diesem Jahr klingelte am 1. Januar um neun der Wecker. Träge schlurfte ich Richtung Kaffeemaschine und Bad, die anderen schliefen noch.  Zwei Gottesdienste am Neujahrstag  wollten gefeiert werden – einer vormittags, der andere um 14 Uhr mit anschließendem Neujahrsempfang. Club Mate und einer gewissen Disziplin in der Silvesternacht sei Dank hielten sich Müdigkeit und Kater dann auch in erträglichen Grenzen. Beim Anziehen der talarfähigen Kleidung (schwarz, vier Schichten) wird der Liebste wach und fragt: „Na, haste Bock?“ Und ich sage trotz Müdigkeit und dem Drang mit der Gang tagsüber abzuhängen: „Joa, ich freu mich auf die Gottesdienste, vor allem auf die Predigt“

    Martha ist die einzige aus der Gemeinde, die an Neujahr auf meine Predigt reagiert. Sie hat bis morgens um sechs gefeiert und dabei mit ihren Gästen über die weibliche Seite von Gott diskutiert. Darum ging es auch in meiner Predigt und so war ihre Freude groß. Auch die Gang findet den Weg über die Straße vom Pfarrhaus in die Kirche und reißt während des Gottesdienstes den Altersdurchschnitt kräftig herunter. Sie verhalten sich ruhig und unauffällig im Gegensatz zur Nacht davor: jemand hatte silber glitzernde Tröten mit zur Party gebracht und während wir mit Wunderkerzen und Raketen zum Marktplatz gingen, machten wir damit ungeheuerlichen Krach.

    Wieder hatten wir den Platz für uns alleine. Um die Ecke gab es dafür großes Feuerwerk und kurz nach Mitternacht kamen doch ein paar bekannte Leute aus dem Ort dazu. Obwohl ich nicht daran gedacht habe die Kirchenglocken zu läuten. Weil ich nach einem Jahr hier immer noch nicht weiß, wie das eigentlich geht (dafür kann ich heizen). Luft nach oben bleibt  in der Plötzlich-Pfarrerin-Welt wohl immer. Und damit Platz für mehr Geschichten.

    Euch allen da draußen ein frohes neues Jahr! Wir lesen uns und ich freu mich drauf. Cheers!

  • Weihnachtsgrüße

    Dezember 25th, 2015

    Ihr lieben Leserinnen und Leser,

    richtig plötzlich ist es mit meinem Pfarrerinnen-Dasein mittlerweile nicht mehr. Dennoch ist es gestern zum ersten Mal für mich in dieser Gemeinde Weihnachten geworden. Die Prognosen für die Gottesdienstbesucher_innenzahlen standen auf halb volle Kirche. Stattdessen – wie es sich zu Heiligabend gehört – eine rappelvolle Kirche, Menschen die beim spontanen Mitmach-Krippenspiel spontan mitgemacht haben und ich vorne und mittendrin. Viele kamen sogar ein zweites Mal in die Kirche zur Christnacht, die ich genau so gefeiert habe, wie ich schon immer mal Gottesdienst feiern wollte (mit Klavier und Gitarre und John Lennons Imagine und einer Kerzenaktion wie in Taizé).

    Mit der „eigenen“ Gemeinde Weihnachten zu feiern war und ist für mich verrückt schön, nach fast einem Jahr kenne ich den einen oder die andere auch und weiß, was so alles los war. Da passiert schon mal eine wortlose Umarmung am Ausgang.

    Im Pfarrhaus ist gerade volles Haus: der Liebste ist hier und Gerda und Barbara und die beiden großen Geschwister. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum gekauft (krasserer Initiationsritus als der erste Autokauf behaupte ich) und eine Gans, die mit Äpfeln aus dem Pfarrgarten gefüttert wurde und gerade im Ofen ist. Heute hab ich frei (Halleluja!) und morgen geht es weiter mit Gottesdiensten.

    Euch allen, die ihr hier immer mal wieder vorbeischaut, mitfiebert und kommentiert gesegnete Weihnachten!

    Peace out und auf baldiges Wiederlesen.

  • Mord im Hinterhof

    November 28th, 2015

    In der Zentrale der drei Konfizeichen klingelt das Telefon. Mark-Justin nimmt den Hörer ab, nachdem er seinen Kollegen versichert hat, das Telefon auf Lautsprecher gestellt zu haben: „Ja, Mark-Justin von den drei Konfizeichen?““Hallo ihr drei. Hier ist Pfn. Hitchschmock. Eben war ich in Dorf E –  ich habe einen neuen Fall für euch, ein Mörder macht unsere Gemeinde unsicher und hat schon zwei Mal zugeschlagen.“ Bedeutungsvoll tauschen Mark-Justin und seine zwei Kollegen Blicke aus.  Wenn sie für die neue Pfarrerin in einem Fall ermitteln, könnte sich das günstig auf ihre Konfirmandenzeit auswirken. Außerdem: Ein Serientäter? Das gab es hier noch nie. Zudem steht auf ihrer Facebook-Fanpage: „Wir übernehmen jeden Fall.“ Zustimmendes Nicken der Kollegen Max und Flo in der Zentrale. „Wir werden den Fall selbstverständlich übernehmen. Schließlich sind wir spezialisiert auf mysteriöse Vorfälle im ländlichen Raum.“ Pfn. Hitchschmock lädt die Konfirmanden zum Gemeindecafé zur Zeugenbefragung am nächsten Mittwoch ein.

    Die Pfarrerin und die drei nehmen Platz an der reichlich gedeckten und liebevoll dekorierten Kaffeetafel, anwesend sind neun ältere Damen und ein Herr. Nach der Andacht und ein paar Liedern gibt es endlich Kuchen, Tee und Kaffee. Max, Flo und besonders Mark-Justin verköstigen sich begeistert an den Leckereien. Letzterer registriert mit geübtem Auge, dass Pfn. Hitchschmock auffällig lange an ihrem Kuchenstück isst. Vielleicht schmeckt es ihr nicht? Oder sie redet beim Essen einfach zu viel. Gerade richtet sie das Wort an Frau Weizen: „Könnten Sie den drei Konfizeichen noch einmal erzählen, was sich auf ihrem Hof abgespielt hat?“

    Frau Weizen ringt sichtbar mit der Fassung. „Das kann ich ja eben nicht sagen. Er ist schon zwei Mal da gewesen und hat keine Spuren hinterlassen. Schon vier sind gestorben.“ Entsetzen macht sich auf den Gesichtern der Versammelten breit, einige stöhnen auf. Die Sitznachbarin von Frau Weizen streichelt beschwichtigend ihren Arm.  Auch  Flo wird bleich im Gesicht – der Fall ist ihm schon jetzt unheimlich. Max – zuständig für Blog und Archiv – notiert die Aussagen von Frau Weizen auf einem Notizblock: vier Opfer, vom Täter keine Spur. Frau Weizen fährt fort: „Kein Blut – nichts. Nur ein paar Federn lagen vor dem Hühnerstall. Und die Tiere – keine Bissspuren, einfach tot. Ich kann mir das nicht erklären“ Frau Weizen vergräbt das Gesicht in den Händen und schluchzt. Pfn. Hitchschmock spricht mit leiser Stimme ein Gebet für die Opfer und ihre Angehörigen.

    Zurück in der Zentrale im Pfarrgarten ist es still bis auf das Krächzen des Papageis Paulus, der Bericht des merkwürdigen Gemetzels auf dem Hühnerhof ist den Jungen auf die Stimmung geschlagen. „Kollegen – wir können nicht nur Trübsal blasen – wir haben einen Fall zu lösen!“ Mark-Justin kaut auf seiner Unterlippe und denkt nach. „Aber wer oder was tut so etwas?“ fragt Flo. „Das kann nur ein Monster sein.“ Max begibt sich in die Bibliothek der Kirchengemeinde. Vielleicht findet sich etwas Brauchbares zwischen den alten Lutherbibeln und der RGG4? Mark-Justin startet inzwischen die Telefonlawine, um herauszufinden, ob der Täter noch anderswo zugeschlagen hat und vielleicht dort Spuren hinterlassen hat. Er ruft vier Freundinnen und Freunde an, die wiederum vier Freundinnen und Freunde anrufen und so weiter.

    In der Zwischenzeit kommt Flo eine Idee, die er gleich seinem Kollegen mitteilt: vielleicht war es der gemeine Kackmarder, der in der letzten Woche einen Motorschaden am alten Auto der Pfarrerin hinterlassen hat? Dieser Marder ging schon einmal skrupellos gegen einen PKW vor – warum nicht auch gegen Hühner? Mark-Justin schüttelt den Kopf: „Der Weg von hier nach Dorf E  ist für den Kackmarder viel zu weit. Außerdem – Hühner gibt es hier im Ort doch auch. Es muss etwas oder jemand anderes sein.“ Das Telefon klingelt, der Presbyteriumsvorsitzende (wohnhaft bei Dorf C) ist dran. „Meine Hühner sind auch in Gefahr, er hat schon einige geholt. Ich habe schon den Zaun verstärkt und halte jeden vormittag mit der Schrotflinte  Wache.“ „Wer holt die Hühner“ „Na der Fuchs natürlich. “ Freundlich bedankt sich Mark-Justin  bei dem Herrn für die Auskunft, runzelt aber kurz danach die Stirn als er Flo anspricht: „Der Fuchs holt die Hühner und frisst sie auf. Er lässt keine Opfer zurück wie in Dorf E – unser Täter kann kein Fuchs sein!“ Max kommt in der Zwischenzeit aus der Bibliothek zurück,  seine Kleidung ist voller Staub und Spinnweben. „Da drin sollte man wirklich mal aufräumen. Man findet alles Mögliche, aber nicht das, was man braucht.“ Er legt einen Kassenzettel aus den 80er Jahren auf den Tisch. „Die haben hier schon immer gerne Kaffe getrunken.“  Mark-Justin seufzt: „Kollegen, es hilft nichts, wir müssen heut nacht Wache halten beim Hühnerstall von Frau Weizen Sagt euren Eltern Bescheid und nehmt euch warme Sachen mit. Nachts wird es schon empfindlich kalt.“

    Schon einige Stunden harren die drei bei Frau Weizen aus. Die alte Dame hat ihnen in der Zwischenzeit schon Tee in Isolierflaschen gebracht und auch ein paar Kekse. Zum Glück ist Vollmond und sie können das Gelände gut einsehen.  In der Ferne plötzlich in Heulen. Flo: „War das etwa ein Wolf??“ Max: „Kann schon sein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass neuerdings Wölfe in den Wäldern unterwegs sein sollen“  Flo mit zitternder Stimme: „Oh Gott. Wie geht nochmal das Vater Unser? Ich habe es immer noch nicht auswendig gelernt“ Mark-Justin:“Du könntest ja stattdessen Psalm 23 rappen – aber das wäre auch zu laut. Wir müssen ganz still sein, sonst..Pssst!“ Ein Knistern und Rascheln, lautes Schnaufen. Die drei beugen sich nach vorne, um besser sehen zu können. „Ach, nur ein Igel.“ Schweigend trinken die drei weiter ihren Tee und blicken sich um, bis ein Schatten blitzschnell  an ihnen vorbeihuscht. Max:“Was war das denn?“  Flo:“Für einen Igel viel zu schnell“ Markus-Justin:“Und für einen Marder zu groß!“ Im Hühnerstall bricht derweil aus ungeklärten Umständen Unruhe aus – der Hahn stolziert nach draußen, begleitet von einigen gackernden Hennen. Wie ein Dieb in der Nacht pirscht sich in diesem Moment eine pelzige, schwarz-weiße Gestalt heran, nimmt Anlauf, springt in die Höhe und landet auf dem Rücken einer Henne, die sofort zusammenbricht. Reglos liegt sie auf dem Boden, das Rückgrat gebrochen von dem mysteriösen Ding mit der Maske. Max und Mark-Justin stehen betroffen am Tatort, Frau Weizen kommt aus dem Haus geeilt. “ Wir waren zu spät.“ sagt Mark-Justin verbittert. „Aber wo ist eigentlich Flo?“

    „Hier!Hier bin ich! Und seht, was ich mitgebracht habe:“ In einem mittelgroßen Käfig befindet sich ein  Tier. Schwarzes Fell, weiße Maske – Flo hat den Täter geschnappt.“Ein Waschbär!!Darauf hätte ich viel früher kommen müssen.“ Mark-Justin schüttelt ungläubig den Kopf. „Jetzt brauchen Sie keine Angst mehr um ihre Hühner zu haben, Frau Weizen, alles wird gut“

    Auf dem Heimweg wollen Max und Mark-Justin unbedingt erfahren, wie Flo den Waschbären gefangen hat und wo der Käfig herkam. Flo grinst über beide Ohren: „Die Wege des Herren sind unergründlich.“

    (diesen Blogeintrag widme ich dem Liebsten)

  • Das große, waldige Gemeindewesen

    Oktober 18th, 2015

    Pfarramt auf dem Land macht pragmatisch: an der Vorbereitung eines Gottesdienstes sitze ich ungefähr acht Stunden. Mittlerweile halte ich einen Gottesdienst an mindestens drei Predigtstätten. Wie ihr aus „Der große Graben“ wisst, haben die Glieder dieser großen Gemeinde noch nicht bemerkt, dass sie ein Leib sind ( „Hallo Nase?“ „Ich kann Bauch nicht leiden, konnte ich noch nie!“ „Oh, der eine Fuß ist ab.“ „Who cares?“). Die Leute pendeln nicht zwischen den einzelnen Predigtstätten, man bleibt lieber unter sich – praktisch für mich und meine Arbeitszeit.  Zu den Gottesdiensten bereise ich mit Ulf das große, waldige  Gemeindewesen und betreibe dabei Feld- und Wiesenforschung. Heute also ein Gottesdienst mit denselben Liedern, derselben Predigt und identischen Impulsfragen. Ein Leib, aber zwei komplett unterschiedliche Welten, 10 min Fahrzeit auseinander (dazwischen – was auch sonst – viel Wald).

    Dorf D: ich komme etwas gehetzt an (das Frühstück mit dem Liebsten, frisch machen  und Ulf packen hat länger gedauert als erwartet). In der Kirche mit einem Altarkreuz aus einem gebundenen Seil (wundervoll maritim – *hach*) wartet schon Herr Alt. „Können Sie die Stühle bitte wieder im Halbkreis vor den Altar stellen? Danke!“ Herr Alt rückt die Stühle – ich hole die neuen Liederbücher, meine Gitarre, Noten – und Gitarrenständer. Im hinteren Raum ziehe ich mich um und gehe dann wieder nach vorne.  Die ersten Gemeindeglieder kommen und nehmen Platz, im Halbkreis. Drei, vier ältere Damen, ansonsten ein junges Elternpaar und zwei Mütter mit ihren Kindern. Kinder – fünf!! Die Kinder läuten mit Herrn Alt gemeinsam, im Kirchraum hören wir sie juchzen und lachen.

    Dorf B: ich komme etwas gehetzt an (ich habe mit den Leuten aus Dorf D ein bisschen zu lange geschnackt). Ich eile mit Gitarre und Liederbüchern in die Kirche, in zehn Minuten beginnt der Gottesdienst, es sind ungefähr 20 Damen und Herren da (eine Trauergesellschaft und die üblichen Verdächtigen aus dem Gemeindecafé) . „Können Sie sich heute bitte in die ersten zwei Reihen in der Kirche setzen? Heute haben wir ein etwas anderes Programm als sonst“ Ich gehe nach draußen, ziehe mich um und eile zurück in die Kirche. Die linke Seite sitzt genauso da wie eben noch, nur die Trauergesellschaft ist meinem Aufruf gefolgt. Herr Fritz und der Gemeindepädagoge läuten die Glocken.

    Dorf D: neues Liedgut – hurray! Eine Frau freut sich über das neue Liederbuch („Wie schön das aussieht! Und so schön umzublättern..Toll…“ Wir singen das erste Lied im neuen Buch: „Du bist da.“ Bei diesem Lied muss ich immer an meine liebe Freundin Ruth denken. Wie Rahel kenne ich Ruth aus dem Predigerseminar – uns verbindet viel, auch dieses Lied. Wir singen in Dorf D also „Du bist da“  und ich schwelge dabei in Erinnerungen: an das langweilige Singen-Üben im Seminar, wo Ruth und ich ständig pubertär Quatsch gemacht haben, an das schwere Gewitter bei dem wir schreiend über den Hof getanzt sind und die letzte Andacht bei der Zeugnisvergabe mit eben diesem Lied und Ruth hatte Tränen in den Augen. Beim dritten Refrain hat die Gemeinde in Dorf D den Dreh raus. Als das Lied vorbei ist sagt jemand stolz: „zum Schluss haben wir es hingekriegt!“

    Dorf B: ich sitze irgendwie ungünstig, vor dem Altarraum, kurz vor der ersten Bankreihe. Herr Fritz ist auch da und versucht mitzusingen – die Damen linker Seite starren in das Liederbuch – keine bewegt die Lippen. Irgendein Mann von der rechten Seite singt mit. In der großen Kirche verhallt der leise Gesang schnell. Mir fehlt Herr Tafel – seine Orgel hätte den fehlenden Gesang bestimmt ausgeglichen. Als das Lied vorbei ist fange ich den Blick einer Frau aus der Trauergesellschaft auf: sie hat Tränen in den Augen.

    Dorf D: Predigt. Ich lasse mir Zeit, setze Pausen, gucke immer mal wieder hoch. Die Kinder halten gut durch, ein paar tuscheln zwischendurch, aber das ist ok, nicht zu laut für die Anderen. Zum Glück ist es dieses Mal eine Erzählpredigt geworden. Hinterher singen wir ein bekannteres Lied, danach ein kurzes Gespräch über die Predigt. Es antworten zwei, drei auf meine Impulsfragen, zwischendurch wird gelacht. Stimmung: hervorragend.

    Dorf B: bei der Predigt ist es mucksmäuschenstill. Fatalerweise habe ich (typisch für den 2. Gottesdienst) schon Bärenhunger und mein Magen knurrt. Ich versuche lauter als er zu sein und blicke dabei in aufmerksame Gesichter. Aber was kommt an? Beim Predigtnachgespräch spricht einzig der Gemeindepädagoge. Er stellt gute Fragen, spannende Fragen. Die anderen bleiben stumm. Wieder denke ich an Ruth. Auch sie ist seit Januar Pfarrerin auf dem platten Land (nur leider anderswo) und berichtet aus ihrer Gemeinde Ähnliches („Die Leute reden einfach nicht! Die sind stumm!“). Dorf B: „Welchen Satz nehmen Sie aus der Predigt mit nach Hause?“ Schweigen. „Hierbei können Sie gar nichts Falsches sagen – für mich als Ihre Pfarrerin ist es wichtig zu wissen, was bei Ihnen ankommt. Das wäre sehr hilfreich!“ Eisiges Schweigen. Huh, denke ich bei mir. Das ist gerade wirklich unangenehm.

    Dorf D: Kurz vor Ende des Gottesdienstes noch einmal „Du bist da“, weil es so schön war. Jetzt singen auch die Kinder hörbar mit – ich bin schwer verzückt und gerührt. Beim Segen machen wir vor dem Altar einen großen Kreis und reichen uns die Hände – auch davor wird gelacht. Beim Abschied am Auto freut sich auch Herr Alt, er reicht mir die Hand und ich glaube, eigentlich will er mich umarmen, macht es dann aber doch nicht. „Super machen Sie das. Wirklich. Vielen Dank.“

    Dorf B:  Auch hier singen wir ein zweites Mal „Du bist da“, aber so richtig Stimmung will nicht aufkommen. Die Damen links von mir singen auch jetzt nicht.  Nach dem klassischen Segen am Ende reiche  ich den Leuten zum Abschied die Hand. Ein älterer Herr (der Sänger von rechts?) entschuldigt sich, dass er im Gespräch nichts gesagt hat (die Ohren seien so schlecht geworden). Er bekommt die ausgedruckte Predigt mit nach Hause.  Das kühle Schweigen von vorhin muss ich erstmal verkraften.

    Und so lerne ich das große, waldige Gemeindewesen mit seinen komplizierten Beziehungen und Verhältnissen langsam kennen. Aktuell sitzt es etwas unschlüssig herum und weiß nicht, was es mit sich anfangen soll. Dorf D vermute ich nach heute irgendwo in der Herzgegend, Dorf B war höchstwahrscheinlich der Buckel, an dem ich runtergerutscht bin. Aber ich bin weich gefallen: der Liebste hat Pasta gekocht und seit heut Nachmittag riecht das Pfarrhaus (großer Trommelwirbel) nach Quitten (wir haben Saft gemacht). Und das riecht tatsächlich sehr gut.

    Ruth hat einen noch riesigeren  Pfarrgarten mit noch mehr Obstbäumen und sogar einem Walnussbaum. Rahel, Jonathan und die Kinder sind gerade bei ihr zu Besuch. Vor ein paar Monaten erreichte mich eine Sprachachricht von Jonathan: K1 (damals noch drei Jahre ) und Rahel sangen zur Gitarre: „Du bist da“. Herzallerliebst.Es ist nur eine Frage der Zeit, bis K2 ( Ruths und mein gemeinsames Patenkind) es auch kann.

  • Musik, oder so ähnlich

    Oktober 11th, 2015

    Musiker_innen sind in den Pfarrämtern im ländlichen Raum heiß begehrt. Kein Wunder – wenn nur zwei, drei Menschen im Gottesdienst sind, die mehr oder weniger sicher mitsingen können, dann macht eine Kirchenorgel einen gewaltigen Unterschied. Ich kenne großartige, gut ausgebildete Kantoren und Kantorinnen, die leider ganz woanders leben und arbeiten als ich.

    Schon im Vikariat hatte ich das Vergnügen vor allem in kleinen Kleckerdörfern unterwegs zu sein. Damals gab es noch keinen Ulf in meinem Leben und so bin ich oft mit dem Bus zu den Gottesdiensten gefahren (da kam ich noch zum Twittern). In dieser Gemeinde gab es einen großartigen Kantor, der beherrschte altes und neues Liedgut, konnte Chöre leiten, Orchester dirigieren – er hat mir sogar Gesangsunterricht gegeben. Ein toller Typ, der natürlich ausschließlich zu Gottesdiensten in der Stadt gespielt hat. Bei meinen Einsätzen auf den Kleckerdörfern wurde ich von einer ehrenamtlichen Organistin begleitet und nicht nur das: von Zeit zu Zeit holte sie mich mit ihrem alten Audi ab und wir fuhren gemeinsam zu den Kirchen. Dass ich seit Ende letzten Jahres Ulf habe hat auch mit den Erfahrungen aus diesen Autofahrten zu tun. Im Vikariat war ich vor jedem Gottesdienst ziemlich aufgeregt („Wann kommt die Lesung? In welche Richtung drehe ich mich vorm Altar? Wo ist eigentlich mein Herz? Wahh!). Ich hätte Ruhe und Zuspruch gebraucht. Ich bekam Liebeskummer und Tränen. Die Frau ist ingesamt eine echte Erscheinung: um die 60, aber irgendwie (und mir ist klar, dass das eigentlich nicht passt) feenhaft. Tempo und Tonart waren ihr nicht so wichtig – dafür aber die zu vermittelnde Botschaft. Gerne vollzog sie diese durch fließende Bewegungen nach. Beim Spielen. Auch wenn ich predigte sah ich diese Bewegungen auf der Empore („Es geht darum, die Augen zu öffnen“ Frau R. schiebt ihre Arme in Brusthöhe von sich und öffnet die Hände). Einmal hatte ich in einem der Dörfer Dienst und Frau R. war verhindert. Danach wusste ich, dass es mit Frau R. zwar seltsam abgedreht, ohne Frau R.aber trostlos ist. Die Lieder für den nächsten Gottesdienst musste ich ihr immer telefonisch durchgeben oder auf den AB sprechen. Ging sie doch ans Telefon dauerte es gerne länger (Liebeskummer, Tränen).

    Auch der ehrenamtliche Organist in meiner jetzigen Gemeinde ist eine Erscheinung. Herr Tafel ist ungefähr 1,80m groß, spindeldürr und trägt seine ergrauten Haare in einem dünnen Pferdeschwanz. Er mag schwarze Kleidung und spricht mit sehr tiefer Stimme.  Praktischerweise ist er in Besitz eines tragbaren Keyboards mit Batterien, er ist also überall einsetzbar (Dorfkirche ohne Orgel, Friedhofskapelle, Open-Air-Gottedienst). Die Pfarrer_innen in meiner Region reißen sich um ihn und ich muss schnell sein, um möglichst viele Gottesdienste mit ihm feiern zu können. Herr Tafel und ich stehen nach vollzogenem Dienst gerne noch kurz zusammen, rauchen und quatschen. Herr Tafel ist nebenbei nämlich auch noch Trauerredner und hat einiges zu erzählen.  Bei meinem Vorstellungsgottesdienst in dieser Gemeinde war meine Mentorin aus dem Vikariat auch hier (auch sie hat viele denkwürdige Erfahrungen mit Frau R. gemacht) und meinte hinterher zu mir: „Der Organist – das war ja unterirdisch.“ Ja, der gute Mann vergreift sich manchmal bei den Tönen und auch im Tempo, aber auch hier habe ich mittlerweile begriffen: wenn er nicht da ist, ist es viel unschöner. Ich will ja auch nicht ständig die Gitarre mitschleppen und alles begleiten. In den letzten Wochen waren die kleinen Quatscheinheiten besonders unterhaltsam. Herr Tafel, der sonst so ernst und auch ziemlich düster wirkt, hatte nämlich einen neuen Mitbewohner: den Spatz Keule. Jener war aus dem elterlichen Nest gefallen und Herr Tafel nahm ihn in seine Obhut. Herr Tafel scheute keine Mühen (Fliegen und Maden besorgen, Käfig finden, Wärmelampe aufstellen, Namen geben) und päppelte das Tier wieder auf, in seinem Badezimmer – weil da die Hauskatze nicht rein kann. Es war nicht immer gut um den kleinen Spatz bestellt („Der sah richtig mickrig aus. Und die Federn standen so ab – der sah aus wie ein gerupftes Huhn“) und ich bangte nicht nur für den kleinen Spatz mit, ob er es schaffen würde oder nicht. Heute nun habe ich erfahren, dass der Spatz Keule ein weiteres Mal umgezogen ist: in einen Park für Vögel, die wieder in die freie Wildbahn kommen sollen („Jaa. Ich dachte, da ist es dann ja auch ganz schön für Keule. Da hat er dann so andere Vögel und von denen kann er dann was lernen, ist bestimmt gut für ihn“). Immer wenn Herr Tafel vom Spatz Keule erzählt hat, lachte er wie ein kleiner Junge. Falls ihn nun doch Abschiedsschmerz, Liebeskummer und Tränen überkommen weiß er hoffentlich, an wen er sich vertrauensvoll wenden kann.

  • Der große Graben

    Oktober 10th, 2015

    Als Kind liebte ich Asterix-Comics. Meine Großeltern schenkten mir alle paar Monate einen Sammelband mit drei oder vier Geschichten. Für einen Nachmittag gab es in meiner Welt dann nur die durchgeknallten Gallier, einen schwarzweißen Winzhund und Römer oder andere Gegner, die am Ende blöd und meist verkloppt aus der Wäsche guckten. Wieder und wieder habe ich die Comics gelesen, bis ich mich in den sonnigen Wäldern um das kleine, unbeugsame Dorf selbst heimisch fühlte, da, wo kleine blaue Blumen wachsen und Wildschweine vor niemandem sicher sind.

    Mittlerweile ist in meiner tatsächlichen Heimatstadt niemand mehr vor Wildschweinen sicher, aber darum soll es heute nicht gehen. Ich habe die Asterix-Welt in der Kirchengemeinde entdeckt! Und das ist mir nicht nur deshalb aufgefallen, weil ich seit Ewigkeiten endlich mal wieder zuhause war und vor dem Einschlafen einen Blick in Sammelband Nr. 4 geworfen habe. Ich bin überzeugt, diese Gemeinde spielt „der große Graben“ nach.

    Hier gibt es zwei Dörfer: Klein und Groß Pusemuckel. Zwischen den Orten schlängelt sich eine schmale Straße durch einen kleinen Wald und an Kornfeldern rechts und links vorbei. In fünf Minuten fahre ich mit Ulf von der Kirche in Klein Pusemuckel zur Kirche nach Groß Pusemuckel. Ein Katzen – oder Wildschweinsprung, könnte man meinen. Aber die beiden Dörfer trennt ein tiefer, garstiger Graben. Gottesdienste zusammen feiern? Niemals! Mit schriller Stimme schimpft die Friseurin aus Groß P. (die meinungsbildend für das ganze Dorf ist) über den Gemeindepädagogen in Klein P: „Frau Pastorin, Sie werden noch sehen, wie der ist. Kein Pastor konnte jemals mit dem zusammen arbeiten. Glauben Sie mir, der macht nur Ärger!“. Und die Seniorinnen des Gemeindecafés Klein P. schimpfen über die Gemeindeglieder von  Groß P., die ja eigentlich nie was gebacken bekommen („Zu Erntedank sind da ja nur zwei, Leute die etwas spenden. Das geht doch nicht!“). Es ist jahrzehntelange Tradition, dass die zwei Dörfer sich nicht ausstehen können. Für die komplett überzeugende Asterix-Parallele fehlt bisher das Liebespaar zwischen den Dörfern (vielleicht ergibt sich noch was zwischen den Konfis?), aber die Wälder drum herum sind  sonnig schön und bestimmt wachsen da auch irgendwo blaue Blumen.

    Wenn sich das Gemeindeleben dieser zwei Dörfer nun tatsächlich in einem Asterix-Comic abspielen würde, welche Rolle wäre dann für mich (ich war gerade für einige Tage auf Weiterbildungen und bin voll im Reflexionsmodus)?

    Cool wäre es natürlich, in die Rolle des Asterix zu schlüpfen: mit einer klugen Idee und einem Schälchen Zaubertrank könnte ich dann die acht Hanseln zum Gottesdienst aus Klein P. nach Groß P. oder umgekehrt schaffen und zwar so schnell, dass die das gar nicht mitkriegen. Danach ein Fest bei Lagerfeuer und Sternenhimmel und alle freuen sich. Alle, bis auf den Barden, der übrigens nicht wenig Ähnlichkeit mit unserem Organisten hat.

    Als Obelix könnte ich am nächsten Sonntag solange vorsichtig gegen die Kirchentüren klopfen -„Hage jemand ze hage?“- (ach nee, das war ja wer anders)  bis sich das Problem von selbst erledigen würde. Dann hätte ich auch nur noch sechs Kirchen, die irgendwie versorgt werden müssen. Ein wenig radikal vielleicht, aber Obelix kann ja nie jemand auf Dauer böse sein. Außerdem trägt er Streifen und Streifen mag ich.

    Die Rolle, die mir von Seiten der Dörfer vermutlich zugeschrieben wird, ist die der  feindlichen, römischen  Invasionsmacht: „Wie? Ein zentraler Gottesdienst? Und nicht hier? Aber das war doch IMMER so!“. Vorteil daran könnte sein, dass die Dörfer über den gemeinsamen Feind (-.-) vielleicht doch noch zusammen finden und sich verbünden, eventuell sogar ohne Liebespaar und ohne Zaubertrank. Für das Gemeinschaftsgefühl der Groß und Klein Pusemuckeler fänd ich das natürlich wünschenswert. Für mein Rollenempfinden hätte das folgende, tragische Konsequenz:

    Ich wäre Idefix. Nachdem jemand einen Baum umgehauen hat.

  • Aus gegebenem Anlass

    September 11th, 2015

    (Predigt vom letzten Sonntag)

    Vor ein paar Wochen fiel mir ein Zeitungsartikel ins Auge, in dem auf einer Deutschlandkarte alle Vereine mit dem Titel „ohne Grenzen“ aufgeführt waren. Ganze 140 Vereine fand der Autor, die den Zusatz „ohne Grenzen“ in ihrem Namen haben. Clowns ohne Grenzen, Tanz ohne Grenzen, Apotheker ohne Grenzen, Nachbarn ohne Grenzen.

    Grenzenlosigkeit ist hip. Auf der einen Seite.

    Auf der anderen Seite wünschen sich aktuell viele Menschen in unserem Land Grenzen, die den so genannten Flüchtlingsstrom aufhalten. Genau in diesem Moment findet in XX eine Demonstration des Bündnisses „X“ statt, das gegen die Asylpolitik demonstriert. Laut der Facebook-Veranstaltung werden sich dabei mindestens 174 Menschen auf dem Marktplatz versammeln, darunter einige führende Köpfe der NPD aus der Region. Sie werden ihre rechtsextremen Parolen von sich geben. Für das Vaterland, für Deutschland, das in ihren Augen bedroht wird. Sie wollen sich abgrenzen von den Männern, Frauen und Kindern, die aus zu vollen Zügen, überquellenden Schlauchbooten und überladenden LKWs zu uns kommen. Grenzenloser Hass auf jene, die es wagen, die deutschen Grenzen zu übertreten.

    Dass Menschen sich zunächst abgrenzen wollen von dem was ihnen fremd und dadurch bedrohlich erscheint, ist ein altes Phänomen.

    Das Fremde und Bedrohliche wurde in der Geschichte der Menschheit schon oft ausgegrenzt und an den Rand gedrängt. Es ist so viel einfacher, wenn alles bleibt wie es war. So ist es auch den 10 Aussätzigen aus dem heutigen Predigttext ergangen. Eigentlich litten sie „nur“ unter einer Hautkrankheit, sogar einer heilbaren. Damals glauben die Menschen aber, diese Krankheit sei ein Schlag Gottes, eine Plage für irgendein Vergehen, das sie begangen hätten – also wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Aussätzige mussten ihre Familien und Gemeinden verlassen, zerrissene Kleidung tragen und durften keinem „gesunden“ Menschen zu nahe kommen. Wenn die Hautkrankheit abgeklungen war, mussten sie zu einem Priester gehen, der sie dann „rein“ sprach, erst danach konnten sie zurück in die Gesellschaft.

    Die zehn Aussätzigen, die Jesus irgendwo im Grenzraum zwischen Samarien und Galiläa trifft, haben sich scheinbar zusammen getan. Sie halten sich an das Gesetz, die TORA und bleiben auf Abstand. Deshalb rufen sie Jesus aus der Ferne an.

    10 Menschen werden anschließend auf dem Weg zum Priester gesund. 10 Menschen werden wieder Teil der Gesellschaft, können endlich zurück zu ihren Lieben, in ihre Dörfer und Gemeinden. Weil Gott überwindet, was trennt.

    Zehn Menschen erfahren in dieser Geschichte göttliche Grenzüberwindung. Aber nur ein Mensch bemerkt, dass ihm gerade ein Wunder widerfahren ist.

    Für mich ist dieser Mensch der Mutigste. Er kehrt zurück an den Ort seiner Heilung und zu Jesus. Die anderen neun sind zu dieser Zeit wahrscheinlich schon wieder bei ihren Frauen und Kindern – so schnell wie möglich zurück in den Alltag, ohne noch einen Gedanken an die Krankheit und die dunkle Zeit der Isolation zu verschwenden.

    Indem der Eine zurückgeht, stellt er sich seiner Vergangenheit – der Krankheitszeit. Er stellt sich aber auch dem Rabbi, dem Meister, dem er seine Heilung zuschreibt. Dieser Mann überwindet den völlig natürlichen Drang einfach so weiter zu machen, als wäre nichts gewesen. Wo die anderen neun verdrängen, schaut er genau hin und erfährt das zweite Wunder: Erkenntnis und Glauben. In diesem Rabbi wirkt Gott. Und Gott hat gerade an ihm selbst – dem Mann aus Samarien – gezeigt, wie er wirkt: lebensbejahend und bestärkend, heilend – heilvoll.

    Diese Geschichte ist nur ein Beispiel von unzähligen Erzählungen im ersten und zweiten Testament, die beschreiben, wie Gott handelt. Die Ausgegrenzten, die Zöllner, die Kranken, die Alten und Schwachen, die Kleinsten, die angeblichen Ehebrecherinnen – diese Menschen erfahren Rettung. Mal als Heilungswunder, mal als Aufnahme in den Jünger_innenkreis oder Schutz vor Strafe. Jesus schließt keinen Menschen aus. Gott schließt keinen Menschen aus. Seine grenzenlose Liebe ist nicht von dieser Welt.

    Dass ein Mensch sich von dieser umfassenden Liebe berühren lässt, finde ich nicht selbstverständlich, sondern tatsächlich mutig. Denn Gottes Liebe fordert uns heraus, aus unserem Alltag, aus dem was uns vertraut ist. Ich glaube, seine Liebe ruft uns alle in ein neues Land, in Gottes Reich. Mit all unseren Päckchen und Koffern, mit dem, was belastet und unfrei macht sind wir dort willkommen. Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken. So drückt es Jesus selbst aus, mit dem das Reich Gottes auf Erden angebrochen ist.

    Für diese Liebe, für dieses Willkommen-Sein in Gottes Reich empfinde ich tiefe Dankbarkeit, ganz ähnlich wie der Eine von den Zehnen, der zurückgekehrt ist zum Ort seiner Heilung. Weil ich mich von Gottes Liebe anrühren lasse, scheinen mir jedoch die Orte ohne diese Liebe ungleich dunkler. Die Grenzenlosigkeit, die ich in meinem Glauben erfahre prallt hart auf die menschgemachten Grenzen. Grenzen, die wachsen, wenn sie mit Angst und Vorurteilen gefüttert werden.

    Gottes Ruf in sein grenzenloses Reich ist gleichzeitig ein Ruf in die Nachfolge Christi. Und diese Nachfolge kann nur hier, in dieser Welt passieren. Mein Glauben, der nicht von dieser Welt kommt, bindet mich tiefer an diese Welt und will sie lebenswert für alle Menschen machen.

    Gott hat keine anderen Hände als unsere.

    Es ist unsere Entscheidung, ob wir unsere Hände teilnahmslos in den Schoß legen oder mit ihnen Mauern bauen. Wir könnten sie aber auch hilfreich den Menschen entgegenstrecken, die über die Grenzen zu uns kommen und sie herzlich willkommen heißen. Weil Jesus überwindet was trennt. Weil Gott überwindet was trennt.

    Weil wir Kirche sind, und als solche nicht irgendein Verein, sondern der Ort, wo Gottes Reich spürbar und erfahrbar sein sollte.

    Kirche ohne Grenzen.

    Amen.

  • Unverhofft kommt oft

    August 31st, 2015

    Bei den Sonntagsgottesdiensten auf den Dörfern kann man nie wissen: mal sitze ich mit zwei Leuten da, mal mit 8 und manchmal sind unter 15 Teilnehmenden drei andere Pfarrer – so geschehen letzten Sonntag im zweiten Gottesdienst.

    Der Organist Herr Tafel hat Magen-Darm und ich bin mit Gitarre, einer rot-weiß-blau gestreiften Anker-Tasche (danke Barbara!) voller neuer Liederbücher, meiner Talartasche (statt klassischer Ledertasche zur Zeit ein schwarzer Süddeutsche-Werbebeutel) und gehörigem Schlafmangel unterwegs im Namen des Herrn. Am Abend zuvor bin ich mit meinem Liebsten, seiner Mutter Barbara und Schwester Gerda (mittlerweile 7) erst gegen 22 Uhr nach Hause gekommen, dann wurde noch gekocht und gegessen. Die neuen Liederbücher wollte ich eigentlich stückchenweise einführen, immer so ein Lied pro Gottesdienst. Ich habe vergessen, dass es im Ostermontagsdorf keine Gesangsbücher gibt, seit Wochen will ich welche nachbestellen und vergesse es gekonnt. Zeitlich komme ich knapp an – es ist schon fast elf. Schwer bepackt stürme ich in die Kirche und gucke nicht schlecht: richtig voll hier! Eigentlich genug um klassisch Gottesdienst zu feiern und auch Liturgie zu singen. Aber Herr Tafel ist nicht da und ohne Orgel habe ich da keine Lust drauf. Dann fällt mir siedendheiß ein, dass ich die EGs (Evangelische Gesangsbücher) vergessen habe und bei den ausgesuchten alten Liedern keiner mitsingen könnte. Also bitte ich die Meute nach vorne, Stühle, Halbkreis, neue Bücher. Sogar junge Menschen sind da – Studenten wahrscheinlich. Ein paar setzen sich auf die Altartreppen, auch ein Kind ist da und spielt mit seinem Lego-Traktor. Spontan suche ich jetzt aus dem blauen Liederbuch passende Stücke für den Gottesdienst aus. Mir schwant Übles – die Leute hier kennen das neuere Liedgut überhaupt nicht. Meine engen Grenzen, Lobe den Herrn meine Seele, Geh mit Gott – anderswo sind das schon lange  richtige Schlager. Ich sitze links außen im Halbkreis, Talar und Gitarre bieten ein gewisses Konfliktpotential (wohin mit den weiten Ärmeln?) und einen Notenständer hab ich natürlich auch vergessen – der unbekannte Mann rechts von mir muss aushelfen. Nach Votum und Begrüßung singen wir das erste Lied, Lobe den Herrn. Und hoppla: es klingt wunderschön! Die Leute singen kräftig mit, zwei fallen sogar in den Kanon ein. Das Kind hört auf mit dem Traktor zu spielen und guckt mit großen Augen in die Runde.

    Es passiert mir leider nicht oft, aber manchmal ist es mit der Musik im Gottesdienst so, wie es ursprünglich mal gedacht war: als kräftiger Gemeindegesang, der alle mitnimmt, Schwung gibt und nebenbei auch noch verkündigt. Vergnügt feiere ich weiter den Gottesdienst, auch die anderen Lieder machen Spaß. Hinterher lade ich noch kurz zum Predigtnachgespräch ein – wie im Gottesdienst davor. Thema war das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner, die im Tempel beten. In der Predigt habe ich die zwei gegenüber gestellt, ein bisschen erklärt (Pharisäer waren nicht nur die Doofen, Zöllner nicht nur die armen Guten), ein bisschen über die manchmal anstrengende protestantische Demut nachgedacht und am Ende (surprise und Trommelwirbel!) den eigenen Pharisäer in mir erkannt. Im ersten Gottesdienst  hat das keiner mitbekommen (Predigthörerin:“Wir sollen alle demütig sein“ Ich: „Hmpft“ ) .  Hier nun ist einigen die Pointe („Wenn ich unbedingt nicht sein will wie der Pharisäer, dann bin ich vielleicht gerade deshalb wie der Pharisäer“) aufgefallen – Hurray!

    Erst beim Verabschieden stelle ich fest, dass neben den üblichen Verdächtigen, den Studierenden und dem Kind  drei Kollegen mit dabei waren. Einer im Ruhestand, ein anderer Probedienstler und der Mann, der mir das Liederbuch gehalten hat (wo der herkam hab ich bisher nicht rausgefunden).  Der Ruheständler und seine Frau waren die, die so schön gesungen haben. Die beiden kannten auch alle Lieder, nur das letzte nicht. Seine Frau stellt sich vor: die Tochter meines Vor-vor-vor-vorgängers, von dem die Alten hier viel erzählen. Ich lade die beiden zu mir ein und einen Tag später sitzen wir in meinem Arbeitszimmer  auf der grünen Couch und die beiden erzählen von früher, wieder geht eine ganz andere Welt vor meinen Augen auf. Sie wurde sogar hier geboren – in einem Haus, das den Krieg nicht überstanden hat. Ihr Mann hat Theologie in der gleichen Stadt wie ich studiert, nur irgendwann in den  60ern. Wir haben sogar im gleichen Studienhaus gewohnt – er als es gerade frisch gebaut war und ich kurz bevor es den Träger gewechselt hat. Wir schwärmen beide von der Gemeinschaft und dem Luxus des frisch zubereiteten Mittag – und Abendessens. Jetzt kann ich in das Lied, das mich sonst so nervt, mit  einstimmen: das waren noch Zeiten!

  • Die erste Hochzeit

    August 30th, 2015

    Hochzeiten sind ein seltenes Happening in meiner Ecke. Vor lauter Wäldern, Weizenfeldern und Seen scheinen die wenigen Menschen, die noch hier sind, sich irgendwie nicht zu finden. In meiner gewohnten Welt lernen sich potentielle Paare bei WG-Partys im Freundeskreis kennen oder beim Tanzen oder bei der Arbeit. In meiner neuen Welt gibt es weder Arbeit, noch Diskotheken und WGs sowieso nicht. Wo lernt sich das Paar dieses Sommers also kennen? In der Jagdschule!

    Ich sitze den beiden Heiratswilligen gegenüber in ihrem Haus am Waldrand. Das helle Zimmer ist geschmückt mit Jagdtrophäen, kleinen und größeren Geweihen. Sie erzählen mir von der Ruhe der Jagd, die plötzlich in höchste Anspannung wechseln kann. Von dem Beobachten der Tiere von der Kanzel (!) aus. In meiner Studienzeit war ich ein, zwei Mal bei den Förstern in einem Verbindungshaus eingeladen und fand die ganze Szenerie gruselig: die ausgestopften Eichhörnchen und Wildschweine, die großen dunklen Räume mit den dicken Teppichen. Alles wirkte eingestaubt und wie aus einer Zeit, die schon lange vorbei sein sollte (Frauen waren in dieser Verbindung natürlich auch unerwünscht). Das Haus der jagdbegeisterten Verliebten hingegen ganz normal und stilvoll eingerichtet. Und das Paar ist mir sofort sympathisch, auch weil die Geschichte so rührend ist: Liebe auf den ersten Blick, eben in der Jagdschule. Der Gottesdienst zur Trauung ist aufregend für alle Beteiligten: das Brautpaar ist nervös weil es das Brautpaar ist, ich bin nervös, weil es meine erste komplette Trauung ist. Im Laufe des Gottesdienstes merke ich, wie es sich anfühlt Alleinunterhalterin zu sein. Manchmal nehmen ja Verwandte oder Freunde dem Pfarrer/der Pfarrerin eine Lesung ab oder formulieren Fürbitten, oder steuern Musik bei. Dieses Mal nicht. Sogar bei den Gemeindegesängen singe ich fast alleine – das kommt davon, wenn die Hälfte der Festgemeinde nicht kirchlich und die andere Hälfte nicht sangessicher ist. Wir drei sind derweil nicht die einzigen, die nervös sind. Gegen Ende fällt die Brautmutter in Ohnmacht, die Hitze, die Aufregung. Ich bekomme das erst hinterher mit – das letzte Lied begleite ich noch mit der Gitarre, damit musikalisch wenigstens ein bisschen Schwung in den Gottesdienst kommt. Es ist heiß an dem Tag und ich bereue wieder einmal, dass ich mich damals bei der Talarauswahl nicht für den „leichten Tropentalar“ entschieden habe, oder für eine schöne weiße Albe. Frau N. hat Kirchdienst an diesem Freitag und läutet die Glocken. Als wir hinterher zusammen stehen und den Gottesdienst auswerten meint sie: „Das war doch ganz schön, dass die alle so wenig gesungen haben. Man hat Sie auch auf der Empore noch gut singen hören. Klang schön!“ Erschöpft lächle ich und gehe dann nach draußen vor die Kirche. Praller Sonnenschein, gestreute Blumen (die Blumenkinder haben ganze Arbeit geleistet) und ein glückliches Brautpaar. Plötzlich klopft mir jemand von rechts auf die Schulter: „Lassen Sie sich das mal von einem überzeugten Atheisten sagen: das war wirklich ein schöner Gottesdienst!“ Der Vater des Bräutigams (auch aktiv im Jagdverein) und seine Frau stehen neben mir. Ein paar Tage später erfahre ich, dass die beiden zunächst überhaupt nicht begeistert waren, dass ihre Sohnemann nun kirchlich getraut werden würde. Tja, wo einen die Jägerliebe nicht alles hinbringen kann.

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