Der Pfarrberuf ist ein Sprechberuf. Wie sehr dem tatsächlich so ist fällt mir erst seit letztem Sonntag auf. Da hat mich auf dem Höhepunkt einer dichten und auch aufregenden Woche meine Stimme verlassen. Bisher ist sie nicht wieder aufgetaucht. Diagnose: Kehlkopfentzündung. Also Sprechverbot, Stimme schonen, in Ruhe gesund werden.
Am Wochenende tagte das Presbyterium. Am Samstag klang meine Stimme sexy und verraucht und wurde im Laufe der Sitzung immer tiefer. Einen Tag später klang gar nichts mehr. Eigenartig war das, als einzige nicht sprechen und kaum auf sich aufmerksam machen zu können. Jemand musste neben mir sitzen und “ins Laute” übersetzen. Hin und wieder ruderte ich wild mit den Armen. Eine Älteste wunderte sich zwischendurch, welche getuschelten Geheimnisse ich denn gerade mit der Nachbarin teilen würde. Es gab viele schöne Momente. Zum Abschluss der Sitzung leitete die Vorsitzende zum Vater Unser über, aber den Segen brachte sie nicht über die Lippen. Aber ich, flüsternd und die anderen ganz leise lauschend. Hatte ich so auch noch nie.
Am Dienstag saß ich morgens beim Arzt und der halbe Ort ebenso. In meiner Ecke wartete ebenfalls eine Mitarbeiterin der Kita. Ich versuchte nicht die ganze Zeit zu husten und hustete natürlich die ganze Zeit. Lange mussten wir warten. Es war nicht schön. Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Frau aus der Gemeinde vor mir. Typ pragmatische, fromme Bäuerin. Sie begrüßt mich und will mir die Hand geben. Ich flüstere und gestikuliere kopfschüttelnd: Guten Tag. Ich geb lieber nicht die Hand, ich bin krank. Sie sagt: Macht nix und streckt mir Ihre Hand entgegen. Ich starre auf die Hand und nehme sie nicht. Dann beginnt die Frau zu erzählen von einer Beisetzung einer Bekannten und ob ich davon wisse und die Frau kenne und ob mir Frau X davon denn nichts erzählt hätte. Ich versuche ihr zwischendurch zu kommunizieren, dass ich nicht sprechen kann. Macht nix sagt sie wieder und erzählt noch ein bisschen. Dann endlich verabschiedet sie sich und geht und lässt mich in eigenartiger Verfasstheit zurück. Pfarrerin ohne Stimme. Für manche ist das vielleicht auch eine Chance.
Analoge Begegnungen ohne Stimme sind also schwierig. Auch digital ist es nicht viel besser. Ein paar Zoom-Sitzungen ließen sich nicht vermeiden. Die Chatfunktion ist natürlich praktisch für mich. Aber blicken dabei nicht alle ständig in den Chat. Wieder rudere ich viel mit den Armen, um in meinem kleinen Fensterchen auf mich aufmerksam zu machen. Scheinbar ist das der move dieser Tage. Rudern und winken.
Unterhaltsam sind auch text to speech-Apps. Da kann man den Sound der Stimme einstellen. “Grandpa” z.B. klingt original wie Stephen Hawkins bei Big Bang. Gespräche am Abendbrottisch bekommen so eine ganz eigene Note.
Im Predigerseminar wurde mir irgendwann mal ein “sprechendes Gesicht” attestiert. Das kommt in diesen Tagen nochmal ganz neu zum Einsatz. Zusammen mit den Armen bildet es bestimmt ein wahres Dreamteam und spricht ganz für sich selbst.
Ihr lieben Lesenden – habt es gut, bleibt gesund und munter!