Dieses Jahr ist das Jahr der runden Geburtstage. Viele meiner Freundinnen und Freunde sind 40 geworden, im August habe auch ich vergnügt gefeiert (Garten, Musik, Feuerschale, Tanz, Karaoke bis die Polizei kam).
Es gibt nicht wenige Pfarrer:innen im Kreis meiner Lieben, sie sind über alle Landeskirchen verstreut. Zwischen uns liegen mindestens mehrstündige Reisen und in zwei Fällen der Atlantik. Das allein macht es mit dem Zusammenkommen herausfordernd. Noch komplizierter machen es jedoch die Terminkalender. Spontan ein gemeinsam dienstfreies Wochenende zu finden ist unmöglich. Letztens machte ich dienstlich Termine für 2027. 2027!!! Ich hätte nie gedacht, dass mein Leben so langfristig durchgetaktet sein würde und ja, es macht ein komisches Gefühl. Auch die unterschiedlichen Ferienzeiten machen es schwer sich gegenseitig zu besuchen. Bei so manchem Wiegenfest konnte ich nicht dabei sein. Nicht alle konnten zu meiner Sause kommen. Es ist kompliziert. Mir ist bewusst, dass das für wahrscheinlich alle erwachsenen Menschen mit Arbeit/Familien/und so gilt. Trotzdem frage ich mich, wie das Leben mit regelmäßig zwei freien Tagen in der Woche aussehen würde. Mit weniger Abendterminen. Mit weniger Verantwortung. Mit mehr Spielraum.
Der 40. Geburtstag löst bei manchen ja große Sinnkrisen aus. Beim Wort Krise muss ich immer an diese eine Postkarte denken: Ein Typ im Anzug sitzt in einem Zimmer an einem Tisch, um ihn herum unendlich viele Flaschen (Bier, Wein, alles Mögliche), auf dem Tisch, auf dem Boden, in den Regalen und dazu die Worte “Krise? Welche Krise?” So fühle ich mich nicht. So viel trinke ich auch nicht. Aber ich bemerke, wie sich mir manche Fragen öfter und dringender stellen (siehe oben). Und ich vermute, das hat schon was mit dem (Dienst-) Alter zu tun.
Dieses Wochenende hatte ich aber, bis auf einen Geburtstagsbesuch, dienstfrei und konnte tatsächlich auf eine Party anlässlich eines 40. gehen. Fantastisch! Svenja, die ebenfalls aus meiner Heimatstadt kommt, hatte eingeladen. Mit Svenja war ich ab 1997 in einer Klasse. Wir sangen damals in einem Jugendchor, hingen im Freizeitclub der Gemeinde herum und gründeten in der Oberstufe gemeinsam mit Maria (die ein Jahrgang über uns war) eine Band.
Ich weiß noch wie tief beglückt ich war, als wir uns das überlegt hatten. Als unsere Musik Gestalt annahm. Plötzlich war da etwas Neues in der Welt, mit einem eigenen Klang, einer eigenen Gestalt, etwas das es vorher noch nicht gab. Irre. Ich hatte immer etwas gehofft, wir würden mit der Band den Durchbruch schaffen. Seit wir zum Studium in unterschiedliche Städte gezogen waren hatten wir immer weniger miteinander zu tun, das war auch ok so. Jede hat ihr Ding gemacht. Svenja ist Physikerin geworden, Maria Sozialarbeiterin.
Jetzt, 20 Jahre später (diese zeitlichen Dimensionen schockieren mich so sehr!), wohnen wir wieder näher beieinander und wir verabreden uns hin und wieder. Zuletzt haben wir uns im April auf Marias 40. Geburtstag gesehen. Diese Begegnungen sind immer auch etwas eigenartig. Vieles aneinander ist vertraut, die Stimme, das Aussehen, bedeutsame Erinnerungen – aber so viel ist dazwischen passiert, so viel Leben. Ich kannte Svenja und Maria als Jugendliche. Jetzt, mit 40, lerne ich sie noch einmal neu kennen und es ist berührend, spannend, manchmal traurig, oft auch einfach schön. Auf der Party zu Svenjas Rundem an diesem Wochenende lernte ich nun endlich ihr vierjähriges Kind kennen (und Svenja als Mutter), Freundinnen und Freunde aus ihrem Studium, die junge Nachbarschaft, Kolleg:innen und einen Haufen Kinder, die dazugehörten. Auch toll und spannend, das alles einfach mal wahrnehmen zu können. Svenjas Leute. Svenjas Lieben, Svenjas Leben heute. Und auch: Svenjas Erinnerungen, die sie mit Maria und mir teilt. Irgendwann spät am Abend kamen wir neben Schule und Co. auf unsere Band, auf dieses eine Festival mit diesen anderen aufstrebenden Bands, wie wir dort spielten und für das Abi lernten.
Svenja flitzte plötzlich ins Kinderzimmer und kam kurz darauf mit mehreren liebevoll gestalteten Bastelsets für unser letztes Album inklusive CDs wieder. Ein Cover mit Fotos von uns als wir 19 Jahre alt waren. So jung! For years. Wie kam es eigentlich zu diesem Titel? 12 Lieder hatten wir damals aufgenommen. Songs von Maria, von Svenja und von mir. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass es diese schönen Bastelsets gab ( Maria: “Die hat mein Vater gemacht!”). Wo waren die bloß bei mir gelandet? Und wie würde man diese CD anhören können? Ich habe gar keinen CD-Player mehr, außer in meinem Auto.
Spät abends fahre ich Maria nach Hause. Es läuft (Überraschung) unsere alte Band. Wir sind beide aufgeregt, ich bin sogar nervös. Wird mir das noch gefallen? Wie klingen wir? Was wird diese musikalische Zeitreise mit mir machen? Es dauert keine zwanzig Sekunden und wir können mitsingen. Mit den richtigen Texten, den passenden Einsätzen und Melodien. Es wird eine emotionale Fahrt. Und eine Begegnung mit meinem 19jährigen Ich. Gleich aus dem ersten Lied klingt mir jene herrliche, kraftvolle und gleichzeitig leicht melancholische Aufbruchstimmung entgegen, die ich mit dem Sommer nach dem Abi verbinde. Ich bewundere Svenjas tiefsinnige Texte und ihren klaren Gesang. Marias Lachen ist zu Beginn des einen Songs zu hören, es ist mir immer noch so vertraut. Dass sie nun neben mir sitzt und wir gemeinsam lachen und auch die eine oder andere Träne verdrücken ist besonders.
/Dieses Lied mochte meine Mutter immer besonders. / Als ich dieses Lied geschrieben hab war ich so krass verliebt in diesen einen Typen – Waren wir nicht immer verliebt in irgendwelche Typen?! / Da wusstest du schon, was du studieren würdest! / Wir müssen Svenja eine Sprachmemo schicken und mitsingen! /. Wie toll sind bitte schön diese Harmonien? / Warum habe ich nicht öfter Klavier gespielt?/ Du singst so schön!!/ (…)
Ich bin stolz auf diese Musik, auf das, was wir da (so jung!) gemeinsam erschaffen haben. Auch auf mich selbst. Schönes Gefühl. Versöhnlich, tröstlich irgendwie. Und es zeigt wieder einmal wie verbindend Musik ist und wieviel sie vermag. Wir haben ein Revival der Band beschlossen. Das Glücksgefühl setzt schon ein. Irre. Und wunderbar.