Als du damals zu mir gekommen bist warst du sieben Jahre alt. Klein und schwarz und eigen. Das mochte ich. Auf dem Weg vom Tierheim ins Pfarrhaus und in der ersten Nacht in deinem neuen Zuhause hast du so viel und so laut gemauzt, dass ich mich gefragt habe ob das mit uns wirklich eine gute Idee war. Auf den ersten Fotos von dir sieht man nur einen verwischten schwarzen Schatten – du bist ständig durch die Wohnung gelaufen, von einem Zimmer zum anderen. Damals hatte ich großen Kummer. Und dann, als ich einmal an die Heizung gelehnt heulend auf dem Boden saß, bist du wie selbstverständlich auf meinen Schoß geklettert, hast dich streicheln lassen und wurdest ruhiger. Und ich wurde auch ruhiger.
Mit der Zeit bist du in die Rolle der Pfarrkatze hineingewachsen und du hast sie mit Eleganz und Stolz gelebt. Hast dich bewundern lassen von den alten Damen aus der ersten Gemeinde, ab und an ein Stück Brötchen oder Kuchen in der Küche unten bekommen, dich kurz streicheln lassen und dann bist du mit deiner Beute schnell wie der Blitz nach oben abgehauen. Manchmal warst du auch beim Seniorenkreis dabei und bist den Leuten um die Beine gestrichen. Wie selbstbewusst und stilsicher du dabei warst! Ich glaube, die Aufmerksamkeit hast du genossen und sie galt dir ganz zu Recht. So eine schöne Katze! Auch im Fernsehen warst du schon zu sehen, elegant in der Sonne hingeräkelt.
Den Garten dort hast du geliebt. Eine richtige Freigängerin ist nicht aus dir geworden, aber du warst gerne mit mir draußen, in der Hängematte oder oben im Apfelbaum. Ich höre noch das Geräusch, dass du beim Hochklettern mit deinen Tatzen gemacht hast. Wie schnell du dabei warst! Zwischen den vielen Blättern und Äpfeln warst du da oben manchmal kaum zu finden. Da wirktest du immer hochzufrieden mit dir und der Welt. Ich sehe dich auch durch den Garten springen und sprinten, wenn ich nach dir gerufen habe. Wie ein sehr dunkler, fröhlicher Hase.
Und ich höre dich mauzen. Das hast du schon gemacht, wenn ich unten mit dem Auto angekommen bin. Laut und energisch. Den Klang von Ulf hattest du verinnerlicht. Und ich den Klang deiner Stimme. Ich habe mich gerne von dir rufen lassen.
Irgendwas musst du früher erlebt haben – du hattest Angst vor Kindern und vor Männern. Es war immer etwas Besonderes, wenn du dann doch Vertrauen gefasst hast (nicht ohne Einsatz von vielen Leckerlis, versteht sich von selbst). Doch bei Gewitter oder anderem Krach draußen bist du ganz cool geblieben. Nur bei Musik hast du meistens den Raum verlassen. Bisschen badass warst du schon auch.
Mit meiner Mutter konntest du richtig gut. Sie hat oft und gerne auf dich aufgepasst, wenn ich mal wieder unterwegs war auf Konventsfahrten, Konficamps oder im Urlaub. Auch meine Oma hast du kennengelernt, kurz bevor sie nicht mehr reisen konnte. Weißt du noch der lange Abend auf der Veranda mit dem Feuer?
Der Umzug in die große Stadt war für uns beide nicht leicht. Aber wir haben es uns auch dort schön gemacht. In der Hängematte auf dem Balkon. Auf dem Sofa, du auf meinem Schoß, schnurrend, tretelnd. Du warst zwar nicht beim Seniorenkreis dabei, aber alle wussten von dir. Manchmal habe ich von dir erzählt, in Predigten oder Andachten oder einfach so. Du hast Geschenke bekommen aus der Gemeinde und Briefe mit Grüßen.
Franka. Es ist still in der Wohnung ohne dich. In jedem Schatten halte ich nach dir Ausschau. Du fehlst.