Einmal im Monat halte ich Andacht im Seniorenheim. Eine Ehrenamtliche aus der Gemeinde, Simone, begleitet mich dabei immer und ich bin froh, dass sie es tut. Simone ist jetzt 66 und schafft um sich herum eine herrlich unbeschwerte und fröhliche Grundstimmung. Seit sie da ist wird bei den alten Leuten viel mehr gelacht. Und die wilden Geschichten kommen raus. Kur, Kurschatten, Waldböden – ich ahnte es ja nicht. Kuren scheinen die Spring Breaks des Alters zu sein. Simone hat selbst schon Einiges durch: Scheidung, Krebs, Verlust, nochmal Krebs, nochmal Verlust. Sie hatte ihre Zeit der Trauer und seit zwei Jahren startet sie bei uns in der Gemeinde durch mit Energie und Lebensfreude – es ist ein wahres Fest. Und: Simone hat ein Herz für die Alten.
Mit Simone zusammen gehe ich also einmal im Monat ins Seniorenheim. Der Weg ist kurz, wir brauchen höchstens fünf Minuten. Sie trägt dabei meine Gitarre über der Schulter wie ein Roady und sieht gut dabei aus. Ich trage Bücher, Bluetoothbox, Kerzen und was wir sonst noch brauchen. Wenn ich mal 66 bin will ich ihren Style haben.
Das Seniorenheim nennt sich Residenz und strahlt nach außen Würde und Eleganz aus. Es gibt den Teich, die Statuen im blühenden Garten, die großen und etwas dunklen Bilder von bedeutenden Menschen in den Fluren. All das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns zur Andacht im Sportraum im Keller versammeln. Es gibt keine Kapelle, keinen Raum der Stille. Keinen Ort für Einkehr. So viel zur Würde nach innen. Wenn Simone und ich ankommen sitzen die Anwohnenden meistens schon dort und warten. Natürlich nur, wenn die eine Mitarbeiterin (Gemeindeglied aus der Nachbarschaft) Dienst hat und sie alle einsammelt. Mittlerweile sind die meisten uns schon vertraut. Ich freue mich, sie zu sehen.
Da gibt es die Dame, die ganz fit und redebegeistert ist, aber mit der Betreuungssituation für nicht-demente Leute im Haus unzufrieden ist und wirklich finster gucken kann, wenn sie darüber spricht. Da ist eine ehemalige Ärztin, die die meisten Lieder auswendig kann, ein eigenes Gesangbuch dabei hat und immer ganz aufmerksam zuhört. Sie ist traurig darüber, dass sie nicht mehr so singen kann wie früher. Ich würde gerne wissen was sich hinter ihren wachen Augen abspielt. Es gibt einen Herrn, der singt und summt einfach die ganze Zeit – egal ob gerade eigentlich gelesen oder erzählt, gebetet oder zusammen gesungen wird. Manchmal trifft er dabei auch die Melodie, aber meistens singt er sein eigenes Lied. Dissonanzen stören ihn null. Wie macht er das bloß? Ein Ehepaar ist noch relativ frisch da. Sie sind zusammen eingezogen, ihr geht es sichtbar schlechter als ihm: Rollstuhl, Abwesenheit, abweisender Ausdruck und das ziemlich durchgängig. Er ist zugänglich, nimmt Anteil und kümmert sich rührend um sie.
Freitag war ich also wieder dort. Mit Simone. Und einer Traumreise ans Meer inklusive Wellenrauschen für die Ohren und Muscheln zum Spüren. Allen hat die Erinnerung an das Meer gut getan, es war berührend zu sehen und zu hören. Auch der Mann der kranken Frau blühte auf und erzählte von ihren Reisen als Paar und lächelte bei den Erinnerungen daran. Immer wieder tippte er seine Frau an und fragte Weißt du noch? oder Wo war das nochmal? Uff. Mit so wenig Reaktion muss man erstmal umgehen können. Kaum ein Kopfschütteln brachte sie zustande. Bis es an der Tür klopfte und ein junger Mann verlegen den wuscheligen Kopf zur Tür reinsteckte und den beiden zuwinkte. Bei seinem Anblick hellte sich ihr Gesicht auf, sie fand Worte, soviel Bewegung war auf einmal in dieser starren Frau, es war wie ein kleines Wunder. Das ist unser Enkel, erklärte der Mann. Der Enkel kam kurz rein, holte den Schlüssel. Wir kommen gleich hoch. Großes Strahlen und Aufbruch. Was Liebe so alles bewirken kann, es ist herrlich.