Einmal im Monat halte ich an einem Mittwochmorgen Andacht in der Kita. Meistens ist das ein großes Vergnügen. Wir singen Lieder und tanzen, ich erzähle eine Geschichte, die Kinder helfen dabei mit und am Ende wird noch gespielt. Wenn ich Glück hab, bekomme ich noch ein bisschen Obst oder Gemüse ab und manchmal wird mir ein Kaffee gebracht.
Richtig gewohnte Routine hat sich bei mir bisher nicht eingestellt. Jeden Dienstag vor einer solchen Kitaandacht frage ich mich bange: Was mache ich mit den Kleinen? Was könnte funktionieren? Am Besten klappt es wenn ich mich vorher mit Rahel bespreche, die auf wundersame Weise immer weiß was mit Kindern gut läuft. Letzte Woche war zeitlich allerdings so dicht, dass ich von Rahels Expertise nicht profitieren konnte.
Die Andacht beginnt um halb zehn, um halb neun desselben Tages war ich mir immer noch nicht sicher, welches Thema ich machen wollte. Etwas mit Passion? Oder doch Elia, zu dem ich immerhin schon eine Erzählkiste mit Legematerial fertig hatte? Oder eine Heilungsgeschichte? Schließlich ließ ich mich musikalisch leiten und nahm die Jonageschichte, zu der ich schon vor Jahren ein wirklich witziges Lied von einem Kollegen zugesteckt bekommen hatte (Ausgerechnet Ninive, wer will da schon hin?) . Vor meinem inneren Auge sah ich die Kinder und mich fröhlich singen und andächtig der Geschichte lauschen.
Es ist immer gut, ein bisschen Anschauungsmaterial mitzunehmen. Ich fand zuhause einen Kompass und ein Fernglas. Den Wal druckte ich als Bild aus. Und das Boot? In 10 Minuten müsste ich loslaufen, um pünktlich in der Kita anzukommen. Ich entschied mich für so ein gefaltetes Papierschiff. Aber wie ging das nochmal? Trotz Hektik und meiner ausgeprägten Bastel-Abneigung gelang es mir mit Hilfe der Suchmaschine ein etwas schiefes Exemplar zu falten. Als Boot würde das schon durchgehen.
In der Kita wartete man schon auf mich, als ich etwas außer Atem dort ankam. Die Kinder freuten sich und ich versuchte mich, an die Namen zu erinnern. Ein paar waren beim Kinderfasching in der Gemeinde gewesen, das wusste ich noch. Links von mir mit den blonden Locken, das war Johannes. Da vorne in der Mitte mit den halblangen braunen Haaren und dem frechen Blick, das war Lara. Und die anderen sieben? Keinen Plan… Dieses Mal war ein Erzieher in Ausbildung als Verstärkung dabei. Anscheinend hatte er keine Lust auf Andacht oder war einfach schlecht drauf, jedenfalls machte er die schönen Bewegungen zu den Liedern im Sitzkreis nicht mit (Soooo groß, was kann größer sein? Sooo weit, was kann weiter sein? Soooo tief…Mit ausladenden Armbewegungen). Er wurde auch nicht aktiv, als ein Junge aus der Gruppe hinter mir die Streichhölzer nahm und sie anzündete.
Schon während ich die Jonageschichte erzählte baten die Kinder darum, wieder das Spiel mit den Schafen spielen zu dürfen. Das macht auch wirklich Spaß: Ein:e aus der Gruppe macht „mäh“ und eine:r mimt Schafhüter:in und muss das Kind am „mäh“ namentlich erraten. Während ich die Kinder auf später vertröstete und weiter die Geschichte erzählte, ließ ich Kompass und Fernglas rumgehen, was dazu führte, dass alle Kinder gleichzeitig das Fernglas wollten. Keines wollte den Kompass, dabei ist der eigentlich viel schöner (dachte ich jedenfalls). Unvorsichtiger Weise kündigte ich an, dass wir im Anschluss vielleicht auch noch gemeinsam Papierboote würden basteln können. Das Mädchen neben mir (auch etwas mit L. aber nicht Lara) schmiegte sich an mich und meinte, dass sie so gerne auch mal das Fernglas haben würde. Was nur war an diesem Fernglas so toll? Das hatte ich völlig falsch eingeschätzt.
Ich forderte zum Teilen auf. Klappte so semi. Der Erzieher starrte ins Leere. Ich ging über zum Ninive-Song, aber keine:r achtete so richtig darauf, das Fernglas war einfach spannender. Ein Mädchen wünschte sich das andere Lied, das wir immer am Schluss singen. Mir tat es schon etwas leid um den tollen Ninive-Song und auch um Jona. Der Erzieher ging nun mit dem eben noch kuschelnden und jetzt scheinbar weinenden Mädchen vor die Tür. Sah er mich tatsächlich vorwurfsvoll an? Warum?? Gleichzeitig schnappte sich ein Junge das Papierboot und begann in Kreisen um die Gruppe herum zu laufen. Irgendwann wurde das Mädchen wieder reingebracht, der Junge rausgeholt (vorher gab er mir äußerst widerwillig das Boot zurück) und die Geschichte war zu Ende.
Beim Schafspiel hatten sie wieder Freude und ich staunte, wie gut sie einander erkannten. Als ich Hirtin sein sollte, fiel mir das viel schwer, auch weil mir immer noch nicht alle Namen wieder präsent waren. Mäh! – Lara? Mäh! – Johannes? Mäh!Mäh! – Nicht vielleicht doch Lara oder Johannes? Wir spielten lange und vergnügt, dann begann ich meine Sachen zusammen zu packen und nach dem Obstteller zu schielen, einen Kaffee hätte ich eigentlich auch gut gebrauchten können.
Wie aus dem Hinterhalt fragte mich (wahrscheinlich) Lara, ob wir denn jetzt noch Papierboote basteln würden. Mit einem Blick auf die Uhr stimmte ich zu, ein schnelles Boot war drin (hatte ich heut früh ja auch hinbekommen). Ich setzte mich mit den Bastelwilligen an einen Tisch und legte los. Was ich ebenfalls nicht bedacht habe: Dass Kitakinder schon mit dem Kniffen eines Blattes in der Mitte Schwierigkeiten haben können und basteln ewig lange dauert. Sara – kannst du mir helfen? Sara – wie geht das? Ich weiß nicht, wie ich das falten soll.. Ist das richtig so? Immer mehr Kinder kamen jetzt dazu und wollten auch basteln. Oh je. Auch ein weiterer Erzieher setzte sich an den Tisch und nahm sich ein Blatt Papier. Aber weder diese neue Typ, noch der schlecht Gelaunte wusste, wie man Papierboote faltet. Ist das nicht Grundwissen für Menschen, die mit Kindern zu tun haben? Ich zückte das Handy, oha, so spät war es mittlerweile schon. Eigentlich wollte ich jetzt schon draußen sein. Die Boote der Kleinen befanden sich noch im Hut-Stadium. Die aufgerufene Anleitung der Suchmaschine half mir dieses Mal nicht. Zu viel Chaos. Zu viel Hektik. Zu viel Saraaa! Ich musste mich schließlich geschlagen geben. Zwei Papierboote würden mir an diesem Tag definitiv nicht gelingen.
In der Gemeinde weiß man, wie ich zum Basteln stehe (= Sara hasst basteln). In der Kita weiß man es jetzt auch. Als ich mich kurz darauf von den weiter bemüht kniffenden und faltenden Kindern verabschiedete kündigte ich an, das nächste Mal Papierboote bis zum Ende mit ihnen zu basteln. Seufz. Das engt die Auswahl an Geschichten dann immerhin schonmal ein. Vielleicht Sturmstillung? Bestimmt lässt sich da zur Not auch noch was mit Schafen einbauen. Oder Ferngläsern. Mäh.