Das letzte Drittel 2022 hängt mir noch ganz schön in den Knochen. Zwei Todesfälle in der eigenen Familie, eine (immerhin freundlich verlaufene) Trennung und dazu allerhand Trubel in der Gemeinde auf diversen Ebenen und intensive Vorbereitungen auf eine Weiterbildung. Beziehungsmäßig brachte der Herbst, jedenfalls in meiner Welt, allerhand Veränderung. Das Leben macht nicht Halt vor Menschen im Pfarrdienst. Irgendwie geht das dann auch: eigene Trauer und Beisetzungen anderer Menschen, emotionale Verwirrung und lange Sitzungen im Presbyterium, viele innere Fragezeichen und dennoch und mit ihnen predigen.
Die Weihnachtszeit war intensiv und schön, auch der Jahreswechsel mit der Verabschiedung unseres Vikars. Der ist jetzt plötzlich Pfarrer und ich freue mich, am Telefon von seinen ersten Schritten im Dienst zu erfahren und ein bisschen mitzufiebern. Auch ihn hat es für die erste Stelle aufs Land verschlagen und er hat jetzt das „Vergnügen“ der aufregenden, tausend ersten Male. Es rührt mich merkwürdig an, dieses Loslassen und Schauen, wie es ihm da in der Ferne geht.
Kurz nach Neujahr setzte mich ein garstiger Infekt außer Gefecht. Die ersten Schritte in 2023 waren also etwas wacklig. Langsam finde ich aber Gefallen an diesem Januar, auch weil ich wieder Dinge jenseits von Knäckebrot und Tee zu mir nehmen kann und sogar richtig viel davon. Und weil ein Urlaub Anfang Februar in Sicht ist. Und weil sich immer wieder kleine und größere Kraftwerk-Momente ergeben, die gut tun. Leben macht zum Glück nicht Halt vor Menschen im Pfarrdienst.
Der letzte Donnerstag war zunächst ein schrecklicher Tag. Er begann mit großem Widerwillen, überhaupt aufzustehen und zu arbeiten (=Herbstfolgen und Urlaubs-Überreife). Nach einem Seelsorgegespräch erhielt ich auf meinem Telefon eine Absage für eine Verabredung, auf die ich mich eigentlich sehr gefreut hatte. Bummer. Nachmittags entdeckte ich auf dem Weg zum Blumenladen, dass Ross einen Platten hinten rechts hatte. Ich wollte gerade nach Hause aufbrechen, mein Onkel Hajo feierte runden Geburtstag. Statt zügig mit schöner Musik durch die Landschaft zu düsen musste ich mich nun um die Reparatur kümmern und mit den Öffentlichen fahren, was doppelt so lange dauert. Noch dazu hatte ich einen ausgemachten Menschenhasser-Tag. Natürlich gab es Verspätungen. Es regnete. Meine Laune war so sehr im Keller, dass ich mich selbst kaum ertragen konnte.
In dieser Stimmung kam ich am frühen Abend zuhause an und wurde unverhofft und beglückend von wärmenden Familienbanden umfangen. Meine Mutter holte mich vom Bus ab, fast wie früher als ich ich noch klein war. Sie kündigte an, dass Hajo eine Überraschung für mich habe. Zusammen gingen wir den kurzen Weg zum Haus, in dem meine Großeltern gelebt hatten und wo nun mein Onkel alleine wohnt. Es war draußen schon dunkel, aber der Garten war von lauter kleinen Kerzenlichtern erhellt, Musik spielte, die ersten Freundinnen und Freunde von ihm waren da. Ein schöner Anblick, absolut einladend und gemütlich.
Ich fand meinen Onkel an der Feuerschale, gratulierte ihm und fühlte mich schon ein ganzes Stück besser. Er freute sich merklich, dass ich da war und ich freute mich auch. Hast du Hunger? Komm, ich mach dir was warm. Ich hab eine Überraschung für dich. Hab gestern was gekocht für dich, wirst gleich sehen. Nudeln wie von Oma.
Es war der erste Geburtstag, seit meine Großmutter im Herbst gestorben ist. Obwohl sie nicht da war, war sie präsent. In den Nudeln mit Tomatensoße und der Grießklößchensuppe, die Hajo gekocht hatte. In den Erinnerungen an sie, die ich mit Hajos Freunden am Feuer und in der Remise teilte. In der kleinen Traurigkeit, die mich überfiel wenn ich auf das Haus schaute und mir bewusst wurde, dass sie nicht heraus getappt kommen würde, um sich auch eine Bratwurst zu holen.
Als Teenagerin hatte mich Hajo öfter zu Konzerten und kleineren Festivals mitgenommen. Dabei lernte ich auch seine Leute kennen: langhaarige, freundliche Hippies mit dem Drang, raumgreifend in der ersten Reihe zu tanzen und Eierlikör in abstrusen Mischungen zu trinken. Hajo und ich saßen damals stundenlang bei Neil Young, Rio Reiser, Pink Floyd und the Police zusammen, Hajo rauchte, suchte nach Kassetten oder CDs für die nächste Lerneinheit und ich lauschte.
Über 20 Jahre später begegnete ich seinen Hippie-Freunden nun wieder und war ganz verzaubert. Ich hörte neue Geschichten über meinen Onkel, auch über meine Großmutter. Ich trank Eierlikör (ohne Mischung) und Whiskey, teilte Brot und Zeit mit Hajos bester Freundin, die ich bisher nur aus seinen Erzählungen kannte. Hajo war glücklicher Gastgeber. Und ich fragte mich, warum ich so lange nicht bei diesen Festen dabei gewesen war. Tolle Leute. Und eben auch Heimat und Familie irgendwie.
Und irgendwann fand ich mich am Feuer mit Hajos Freund Ralf aus Armeezeiten wieder. Ralf erzählte mir, dass seine Großmutter ihn früher immer mit auf Beerdigungen genommen habe und dass er das als Kind richtig toll fand. Er habe auch schon konkrete Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass er sterben würde. Und dann schaute mich Ralf an, mit lachenden Augen und sprach: Weißt du Sara, lass mich dir mal was sagen. Ich bin jetzt fast 60 und habe viel erlebt. Und eine Sache habe ich gelernt, und die will ich dir erzählen. Weil sie so gut ist. Und ich davon absolut überzeugt bin. Das ist einfach meine Lebenserfahrung: Alles sortiert sich irgendwann so hin, wie es sein muss. Und dann ist es gut. Richtig gut. Das wird für Hajo so sein. Und für dich auch. Vertrau mir. Und ich? Ich konnte ihm das glauben.