Und schwupp, schon wieder Advent. Über der Eingangstür der Kirche leuchtet der gelbe Herrnhuter Stern. In der Kirche wurde der große Adventskranz an der Decke angebracht. Das Tannenbäumchen auf dem Platz neben der Kirche trägt seit gestern (Sonntag, 1. Advent) auch seine obligatorische Lichterkette.
Natürlich haben die Tannenbäumchen – und Lichterkettenverantwortlichen des hiesigen Ortsvereins niemanden von der Kirchengemeinde informiert, wann sie die Erleuchtung vornehmen wollten. Wozu auch? Ist die Pfarrerin nicht Tag und Nacht betend in der (eiskalten, unsanierten) Kirche? Purer Zufall, dass unser Organist Robert um 14 Uhr nachmittags noch für ein Konzert übte und tatsächlich in der Kirche war. Und dass Robert mich am Telefon erwischte, kurz vorm mittäglichen satt-zufriedenen Wegdämmern auf der Couch. Wenig zufrieden stapfte ich also zurück zur Kirche, suchte mit nach Kabeln, Matten und der Zeitschaltuhr, was man nicht alles macht als Theologin. Der Baum sieht schon ein wenig mitgenommen aus, mit trockenen, braun-grauen Stellen auf der einen Seite. Unklar ob die Lichterkette vorteilhaft ist für seine Optik.
Letztes Jahr Ende November wurde der Baum mit großem Tamtam des Ortsvereins eingepflanzt, die Trockenheit im Sommer dieses Jahres hat ihm (wie zu erwarten war) ganz schön zugesetzt. Im Ortsverein hat das Bäumchen viele begeisterte Anhänger:innen, eine richtige Lobby (sie haben ihn auch besorgt und gepflanzt und nach Kräften gegossen). Der Vorsitzende des Vereins zeigte mir gestern dann auch stolz das frische Grün an seinen Zweigen (vorhanden) und wies darauf hin, wie sehr der Baum schon gewachsen sei (meh, vielleicht). Er prognostizierte eine große Zukunft. Wir werden sehen.
Unsere Gemeinde hat neuerdings einen Instagram-Kanal. Das spontane Einrichten (es war eigentlich schon lange geplant) während des gemeinsamen Adventskranz-Bastelns und die ersten Erfahrungen damit waren von unangenehmer Selbsterkenntnis begleitet. 1. Es sind 10 Jahre (!!!) vergangen, seit ich meinen privaten Instagram Account erstellt habe 2. Ich brauche Hilfe.
Zwischen Heißklebepistolen, Tannengrün, Deko-Zeug und Basteldraht posiert Maria, eine ehemalige Konfirmandin, mit ihrem hübschen Adventskranz. Sieht toll aus. Das Basteln hat sie eindeutig besser raus als ich. Social media und Selbstdarstellung auch. Maria hat Mitleid mir mir und erklärt mir, was Hashtags sind. Ich weiß, was Hashtags sind. Aber ich habe bei Insta und Facebook den Anschluss verloren, als plötzlich alles voller Selfies und Kurzvideos war. Mir ist nicht klar, was Stories sind und wie ich Reels fabriziere. Plötzlich spüre ich sehr deutlich die 10 Jahre. Maria und einige andere mit Öffentlichkeitsarbeit betraute Leute greifen unterstützend ein. Ein Video zu Werbezwecken entsteht, ich lache fröhlich in die Kamera. Noch.
Später am Abend klage ich Rahel am Telefon mein Leid. Ich wolle Bilder der Gemeinde auf meinem privaten Account teilen, und versuche es schon stundenlang, aber es klappe einfach nicht. Rahel tröstet mich und sagt, dass ihr die Bilder angezeigt würden und es wohl doch funktioniere. Meine Erleichterung darüber dauert nur so lange bis mir ein Kollege (unangenehm technikaffin) schreibt, dass ich acht (!) Mal dieselbe Story gepostet habe. Mir ist unklar, wie das passieren konnte. Mir ist ebenso unklar, wie und ob das wieder rückgängig zu machen ist. Und nach wie vor beschäftigt mich die große, unbeantwortet Frage: Wtf ist eine Story??
Wenn ich diese Woche richtig krass drauf bin mache ich ein Kurzvideo bei Insta. Vom Tannenbäumchen neben der Kirche. Mit Filter, wo Schnee fällt oder Glitzerregen oder so. Mehr content. Mehr Blingbling. Auf dass er Frucht bringe – 8fach, 10fach, 100fach – wir werden sehen.