Bei einem Friedensgebet kurz nach den Sommerferien meinte ein Pfarrer im Ruhestand zu mir, dass für ihn damals die Zeit nach der Sommerpause zu den anstrengendsten im ganzen Jahr gehörte. Er meinte sogar, sie sei noch schlimmer als die Adventszeit: Schuljahresanfangsgottesdienst, der neue Konfirmandenjahrgang, Elternabende und dann kommt ja auch schon Erntedank! Furchtbar!
Mir ging es in diesem Jahr erst überhaupt nicht so und dann volle Kanne. Unsere Konfizeit beginnt schon nach Pfingsten. Elternabende und Gespräche hatte ich also schon durch. Dafür lagen in den letzten Wochen für unsere Verhältnisse wahnsinnig viele Taufen an. Normalerweise bestehe ich auf Taufen im Sonntagsgottesdienst, damit die Gemeinde auch dabei ist und sehen kann, wer alles Neues dazukommt und die Familien auch uns kennenlernen. In diesem Herbst wäre das einfach zahlenmäßig nicht gegangen. Pro Gottesdienst hätten wir locker vier Kinder taufen können. Also bin ich auch auf Samstage ausgewichen, wo dann bisher auch jedes Mal mindestens zwei Taufen gefeiert wurden. Rückblickend fühle ich mich etwas wie Sara, die Täuferin, Ohne Fluss und Kamelhaarmantel. Aber durchaus etwas durch den Wind.
Zusätzlich zu Taufgesprächen, normaler Gottesdienstvorbereitung und den üblichen Gruppen und Kreisen fielen auch noch zwei Beisetzungen an, die beide von einer eigenartigen Mischung aus großer Trauer und großer Dankbarkeit durchzogen waren. Zwei Männer waren verstorben, beide 77, beide liebevolle Ehemänner, Väter und Großväter. Ich hörte von einer Damenwahl um Mitternacht, in der die damals Siebzehnjährige ihren zukünftigen Ehemann mit einer langen Halskette wie mit einem Lasso! einfing und zum Tanz aufforderte. Und ich stellte mir vor, wie der andere mit acht Kindern in einem PKW und einem Blech Kuchen zum nächsten Badesee fuhr.
Die mittlere Tochter des Letzteren hat einen Musiker geheiratet, der zur Beisetzung spontan mit seinem Bruder musizierte. Ein studierter Jazzgitarrist und ein klassischer Violinist und Komponist. Der Gitarrist spielte sich im Gemeindesaal warm, während ich meine Sachen im Büro zusammensuchte. Was für ein schöner Soundtrack! Nachdem er eine Jazzversion von “Africa” von Toto gespielt hatte, musste ich ihn doch ansprechen und etwas bewundern. Er zeigte sich beeindruckt, dass ich das Lied erkannt hab. Und ich hab mich gefreut, es mal wieder zu hören und in Jugenderinnerungen zu schwelgen (in meiner Peergroup hatten irgendwie alle eine Toto-Phase). In seiner Heimatgemeinde spielt er wohl manchmal mit Jugendlichen im Gottesdienst. Schade, dass das zu weit weg von hier ist.
Beim Trauercafé im Anschluss an die Beisetzung erzähle ich ihm, dass unser (wirklich sehr guter) junger Kantor eher alte Kirchenmusik bevorzugt und aus Überzeugung moderne Musik eher ablehnt. Beim Taufgottesdienst in der Kirche drei Tage später traue ich meinen Ohren kaum. Haben sich da tatsächlich Blue Notes eingeschlichen? Was spielt er da an der Orgel? Als ich ihn im Anschluss danach frage, antwortet er etwas verlegen Das war was Modernes, ich dachte, das passt zum Anlass heute. Wow. Das ist auch mal schön, völlig unerwartet das zu bekommen, was man sich heimlich gewünscht hat. Guter Mann, unser Kantor, sonst aber auch.
Bis Ende September müssen zu meinem Leidwesen auch Bauanträge und derlei Dinge eingereicht werden. Bau ist etwas, das mir unheimlich ist. Grundstücksangelegenheiten mit Pacht und Co. ebenso. Zum Glück gibt es Menschen aus Verwaltungsämtern, die Gemeinden bei derlei Dingen unterstützen. Nur schade, wenn gleichzeitig alle Mitarbeitenden entweder krank, im Urlaub oder total überarbeitet (wegen Leuten die krank oder im Urlaub sind) sind. Zwischendurch hatte ich einige unruhige Nächte weil ich nicht wusste, woher ich eine halbe Million für eine Sanierungsmaßnahme bekommen sollte. Für manche sind solche Beträge ja Peanuts. Mich machen sie ziemlich nervös. Als ich mit der zweiten Vertretung unseres Baubetreuers telefonierte, war ich den Tränen nahe. Soll ich mir jetzt etwa selbst ausdenken, wie wir die Finanzierung machen? – Im Prinzip Ja. – Aber ich KANN das doch gar nicht!
Ich bin froh, dass ich in der Gemeinde Leute um mich hab, die sich mehr auskennen mit derlei Dingen. Die selbst gebaut haben und die Ämter, Menschen und Immobilienheinis hier kennen. Und die mich trösten und sagen Dann dauert es halt länger mit dem Bau. Vielleicht ist das sogar ganz gut und der Markt hat sich bis dahin wieder etwas beruhigt. Ich weiß immer noch nicht, woher ich eine halbe Million nehmen soll. Aber es tun sich Wege auf, die es nicht ganz unmöglich erscheinen lassen. Gonna take some time to do the things we never had (oh oh). Das reicht mir im Moment. Wir werden sehen, was passiert. Und ihr werdet wohl davon lesen. Genießt den Herbst! Bis bald 🙂