Im letzten Blogeintrag schrieb ich davon, zum ersten Mal seit Ewigkeiten keine Beisetzung vor mir zu haben. Einen Tag später kam der Anruf vom Bestatter (ich hatte es wissen müssen). Gestern früh um 8. 30 Uhr (!) war ich deshalb auf dem Friedhof und blickte in einen offenen Sarg auf eine kleine, zarte Frau und die verweinten Gesichter ihrer Angehörigen. Die Verstorbene war 96 Jahre alt geworden und wurde liebevoll von ihrer Familie begleitet, lange leiden musste sie nicht. Ein vergleichsweise gutes Ende also. Trotzdem hatte ich gestern Mühe, die Fassung zu behalten. Denn der Tag davor war so voller gegensätzlicher Eindrücke, dass ich befürchtete mein Herz würde auseinanderreißen oder in meiner Brust schmerzhaft anwachsen auf mindestens doppelte Größe. In so einer Verfassung sind meine eigenen Tränen nur sehr knapp unter der Oberfläche. Und das Grün der Bäume und Sträucher war hell und dunkel zur gleichen Zeit und auf dem sehr weiten Weg zum Grab grüßten stumm alte Grabsteine, die seit Jahren nicht mehr besucht wurden.
Am Morgen zuvor war ich mit unseren Gästen aus der Ukraine unterwegs, um mögliche Wohnungen anzuschauen. In den beengten Räumen der Gemeinde – auf Dauer ist das kein Zustand. Für den Termin mit dem Immobilienmakler haben die Damen sich herausgeputzt. Sie wollen einen guten Eindruck machen. Ich auch. Auf dem Weg vom Bahnhof zu den Häusern fängt Daria (15, großer BTS-Fan) plötzlich an zu weinen. Mit von Schluchzern unterbrochener Stimme spricht sie mit ihrer Mutter, die versucht zu trösten. Als ich mich umdrehe, sehe ich den Anlass für das große Unglück: Von ihrem BTS-Beutel ist ein Träger gerissen. Sie hält den Beutel in den Händen wie ein verwundetes Tier. Wir gehen weiter, die Zeit drängt, Daria kann sich kaum beruhigen, schnieft immer wieder, die Tränen laufen aus ihren großen Augen und ich wünschte, ich könnte ihr sofort den bescheuerten Beutel reparieren und es ihr irgendwie leichter machen. Das Mädchen will nach Hause, in ihre Wohnung, in ihr Zimmer, in ihr altes Leben. Was willst du auch machen mit 15 Jahren, als Geflüchtete in einem fremden Land, in einer Stadt von der du noch nie gehört hast, mit kaum Kontakt zu Gleichaltrigen?
Die Wohnungsbesichtigungen laufen gut. Der Makler ist freundlich. Ich bin angespannt ob alles klappt mit den Ämtern, der Kostenübernahme, den Umzügen. Ich stelle mir vor, wie “unsere” beiden Familien hier leben, sich einrichten, einen Alltag finden. Wie der Schulweg für Daria sein wird. Ob sie sich wohlfühlen kann. Ob das Baby von Christina hier seine ersten Schritte machen wird. Ob die Nachbarn freundlich sind.
Einen halben, vollen Arbeitstag später (u.a. Beisetzung fertig machen und eine baldige Hochzeit planen) finde ich mich unter dem Kirschbaum im Kirchgarten wieder. Baby Andriy feiert halbjährigen Geburtstag. Dieses Kind ist zusammen mit seiner Mutter, Großmutter und Urgroßmutter in einem PKW aus der Ukraine geflohen. Sein Vater ist dort geblieben und versucht zu helfen. Bei Gin Tonic und Gegrilltem werden mir Fotos und Videos von Christina gezeigt. Von der Wohnung, in der die kleine Familie am 24. Februar einziehen wollte, endlich unabhängig von ihren Eltern und Schwiegereltern. Ich sehe Aufnahmen von Andriys Kinderzimmer, so hell und schön eingerichtet. Er hat nie in diesem süßen Kinderbett gelegen. Nie mit diesen Kuscheltiere gespielt. Wenn er in diesen Tagen die Stimme seines Vaters hört, freut er sich und lacht.
Christina zeigt mir auch ihre Hochzeitsfotos. Sie ist eine umwerfend schöne Braut. Die Bilder könnten auch von einer Promi-Hochzeit stammen. Bunt, lebendig, ausgelassen und fröhlich, luxuriös. Ihre Mutter und Großmutter sind auch zu sehen und sie sind ebenso strahlend schön. Statt mit ihrem Mann endlich in die Wohnung zu ziehen, ist sie nun hier und kümmert sich um ihre Mutter und Großmutter. Seit sie bei uns ist, habe ich sie immer nur stark erlebt, gefasst, konzentriert. Als sie von ihrem Mann erzählt und wie schwer es eigentlich für sie ist, so ganz alleine, werden ihre Augen feucht. Und ich habe einen Kloß im Hals.
Das Fest zum halbjährigen Geburtstag ihres Sohnes ist für Christina das erste Fest seit Ewigkeiten. Ihre Freundin aus ihrer ukrainischen Heimatstadt, die bei uns in der Nähe untergekommen ist, ist mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohn auch da. Zusammen mit Daria und ihrer Mutter sitzen wir an Tischen unter dem Kirschbaum, über eine Box läuft ukrainische Tanzmusik. Manchmal wird getanzt und das ist ein schönes Bild, auf dem grünen Rasen vor unserer Kirche – die Frauen in ihren schönsten Klamotten, geschminkt und fröhlich.
Auf Englisch unterhalte ich mich mit Christinas Freundin Maria, die rechts von mir sitzt. Sie ist vielleicht Anfang 20, eine Single-Mom, die hier den Neustart wagt, naja, wagen muss. Sie wohnt bei einer Frau, die eine Etage in ihrem Haus frei gemacht hat für Geflüchtete. Maria ist dankbar und froh um die Unterkunft. Dennoch fragt sie sich, ob sie sich wirklich von ihrer Gastgeberin sagen lassen muss, wie sie ihr Leben führen soll, dass sie sich weniger schminken, billiger einkaufen (nur second hand, auch Unterwäsche!) und überhaupt ganz anders sein solle. Ich hoffe, dass diese Person es gut mit Maria meint. Was Maria erzählt, klingt anders.
Dann übernimmt Daria die Kontrolle über die Musikbox und positioniert sich auf der Tanzfläche vor der Kirche. Die ersten Takte erklingen, das muss wohl BTS sein (habe ich kaum je gehört) und Daria beginnt zu tanzen. Ganz allein. Eine richtige Choreographie, ausholende Bewegungen. Sie singt murmelnd mit, lacht, springt. Wir klatschen und schnipsen im Rhythmus. Wann und wo hat sie sich das nur ausgedacht? Ich kann nicht fassen, dass dieses schüchterne Mädchen, das heute morgen noch so verzweifelt war, so mutig ist und jetzt für uns tanzt. Zeigt, was sie mag. Sich selbst zeigt. Ich hätte auf der Stelle in Tränen ausbrechen können. Stattdessen wende ich meinen Blick kurz von der tanzenden Daria ab, schaue über den Kirschbaum hinauf in den Himmel und atme tief ein. Dieses Fest will gefeiert werden. K-Pop im Kirchgarten, alles ist anders, mein Herz schlägt und weitet sich.