Diese Woche beginnt mit der ungewohnten Aussicht, dass gerade keine weitere Beisetzung anliegt. Das Frühjahr 2022 hatte es mit Sterbefällen in sich, jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Ich weiß von Großstadt-Gemeinden, in denen pro Woche immer drei bis vier Beisetzungen stattfinden. Das ganze Jahr über. Diese Gemeinden haben auch mehrere Tausend Mitglieder. In meiner überschaubaren Welt am Stadtrand ist es schon viel, wenn über einen längeren Zeitraum pro Woche eine Trauerfeier vorzubereiten ist. Energetisch macht das trotzdem richtig Sachen bei mir. Je mehr ich mich in Lebens – und Familiengeschichten eindenke und einfühle, desto dünnhäutiger werde ich mit der Zeit. Vor allem, wenn viel Schmerz und viel Unversöhntes dabei ist. Aber auch, wenn ich die Leute gekannt und gemocht habe.
Im April ist Frau Rehnow mit 87 Jahren verstorben. Sie und ihr Mann gehörten hier zur Kerngemeinde, kamen sonntags regelmäßig zum Gottesdienst, auch zu Gesprächskreisen und Konzerten. Frau Rehnow fiel mir gleich zu Beginn meines Dienstzeit hier auf, denn sie wirkte wie ein Filmstar aus den 20er Jahren. Ihre hellen Augen leuchteten unter schmal gezupften, hoch gebogenen Brauen. Ihr Lächeln war herzlich, aber hatte auch etwas Hintergründiges und Geheimnisvolles.
Einmal nach einem Gottesdienst, machte sie mir ein Kompliment für meine Frisur. Normalerweise hätte ich das ulkig oder vielleicht sogar doof gefunden, nach dem Motto: Achten Sie bitte auf meine Worte und nicht auf meine Haare (davon abgesehen dass ich mich frisurenmäßig ausschließlich zwischen Zopf und Haare offen bewege)! Sie aber sagte es so charmant, dass ich mich tatsächlich freute.
In den knapp vier Jahren, in denen ich jetzt in dieser Gemeinde bin, hatte ich schon einige Male mit Familie Rehnow zu tun. Frau Rehnow selbst habe ich über die Jahre mehrmals im Krankenhaus oder zuhause besucht (das Herz, die Beine). Sie war eine aufgeweckte und lebensfrohe Frau, die immer an Neuigkeiten aus der Gemeinde interessiert war und sehr an ihre Familie hing. Dass ihre Schwiegertochter Martina 2020 an Krebs erkrankte und mit Anfang 50 verstarb, brachte mich auch in Kontakt mit ihrem Sohn und ihren Enkelkindern.
Das Trauergespräch fand damals in einem Schrebergarten etwas außerhalb statt. Man schrieb mir die Adresse. Ich weiß noch, wie ich von meiner Wohnung aus mit dem Rad auf holprigen Wegen durch die Kleingartenanlage geruckelt bin, immer mal wieder aufs Handy starrend, ob ich noch in die richtige Richtung fahre. Nach einer Wegkreuzung führte eine Brücke über ein kleines Fließ, hinter einer hohen Hecke fand ich schließlich, leicht verschwitzt und außer Puste, Garten, Sohn und Enkel. Ein bewegendes, schweres Trauergespräch folgte.
Zwei Jahre später plante eine Enkelin von Frau Rehnow ihre Hochzeit. Das Traugespräch sollte ebenfalls in dem Schrebergarten stattfinden. Man schrieb mir die (schon bekannte) Adresse, ich machte mich auf den holprigen Weg, fand die Kreuzung und auch die Brücke und spähte hinter die Hecke und erreichte erfreut, erschöpft und etwas stolz das Häuschen.
Die Enkelin von Frau Rehnow erzählte mir an jenem Sommertag, wie der Tod ihrer Mutter die Beziehung zu ihrem Partner erst erschüttert und schließlich wieder gefestigt hat. Die Trauer musste erst ihre Wege finden. Wir saßen auf der selben Couch wie beim Trauergespräch um Martina Rehnow. Draußen im Garten saß Frau Rehnows Sohn mit seiner neuen Partnerin. Eine herzliche, sonnige Person mit kurzen, roten Haaren. Bestimmt tut sie dem Sohn von Frau Rehnow gut, dachte ich und, wie das Leben so spielt.
Vor drei Wochen fuhr ich wieder mit dem Fahrrad in diesen Schrebergarten und hatte in der Zwischenzeit nicht vergessen, wie viele Schlaglöcher und Zuckersand-Partien der Weg hat. Also fuhr ich außen herum, über die Straße, was länger dauerte. Leider hatte ich vergessen, dass das Häuschen hinter eine Hecke versteckt ist. Zweimal fuhr ich dran vorbei, dann erst fand ich den Zugang, den Sohn, seine (immer noch sonnige) Freundin und die Tochter von Frau Rehnow, auf der Veranda, im grünen und blühenden Garten. Sind Sie heute gar nicht über die Brücke gekommen? fragte mich der Sohn. Ich antwortete: Heute bin ich irgendwie anders gefahren, aber jetzt, jetzt bin ich da.