Wolkig bis heiter

Kaum zu glauben, dass ich im August schon Einjähriges in der Gemeinde hier feiere. Fast fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, dass ich im Garten unter dem blühenden Apfelbaum in der Hängematte saß und mich in meinem Abschiedsschmerz von Paul Simons 50 ways to leave your lover trösten ließ.

Vielleicht liegt die gefühlte Aktualität auch daran, dass ich gerade am Montag wieder dort war für eine Beisetzung. Frau Welka war wenige Tage zuvor in ihrem Geburtshaus in Dorf A verstorben. Kurz nach Weihnachten hatte mich hier ein Brief erreicht mit der Bitte, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Der Krebs war zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten, Chemo und Krankenhausaufenthalte kamen für sie nicht in Frage, sie wollte zuhause bleiben. Frau Welka war ein echtes Phänomen. Als ehemalige Leiterin der Post im Ort kannte sie alles und jeden. Ihre trockenen Kommentare beim Gemeindekreis ließen mich endlich begreifen, dass auch Seniorinnen und Senioren es faustdick hinter den Ohren haben können. Frau Welka hat zwei Söhne, von verschiedenen Vätern, die sie beide nicht geheiratet hat. Bis zu ihrem Tod trug sie ihren Mädchennamen und war stolz darauf. Eine taffe, liebenswürdige Frau.

So fuhr ich an meinem freien Tag mit meinem neuen gebrauchten Auto (so sauber! So gut in Schuss! So unauffällig! So nicht-Ulf, sondern …?) in die erste Gemeinde, traf meinen Bestatter („Hallo, meine Lieblingspfarrerin!“) und 110 Menschen, die sich auch mit Frau Welka verbunden fühlten. Bei den Erdwürfen sah ich die Männer und Frauen, die mir in den letzten Jahren so vertraut geworden sind und das Herz wurde mir ganz weich. Die Beziehung zu manchen Gemeindegliedern bleibt lebendig, auch wenn man schon eine ganze Weile woanders ist. Das ist eine wunderbare und beruhigende Erfahrung. Manches bleibt. Gott sei Dank.

Hinterher beim Kaffee gab es lange Umarmungen, das eine oder andere Gespräch („…und dann hab ich mir den Oberschenkel gebrochen“ „Wissen Sie, ein neuer Pfarrer kommt im Sommer!“ „Wir haben uns heute auf Sie gefreut!“), ein paar Tränen und fröhliche Erinnerungen an Frau Welka. Schon toll, was man als Pfarrerin so erleben darf.

Die Seniorinnen und Senioren hier sind ebenfalls äußerst unterhaltsam. Gestern, während ich das Zeug für die Andacht zusammensuche:

Frau Michel (die Dame mit der schweren Krebserkrankung, aber auf wundersame Weise noch immer quietschfidel) ist heute auf Freundlichkeit aus und geizt nicht mit Komplimenten. Sie schaut in die Runde, bleibt (ihr direkt gegenüber) bei Frau Lucke hängen und sagt „Gerda, du siehst heute so frühlingshaft aus!“ Gerda Lucke reagiert nicht. Sie hört sie nicht, weil neuerdings ihr Hörgerät auf der rechten Seite kaputt ist. „Gerda! Hörst du? Ich hab gesagt, du siehst heute so frühlingshaft…“ Gerda Lucke schaut interessiert in die andere Richtung. Frau Michel liegt ihre Charmeoffensive offenbar sehr am Herzen und ruft laut nun über den Tisch“GERDA! ICH WILL DIR ETWAS SAGEN!“. Frau Lucke wird von ihrer Nachbarin Frau Naue stupsend auf Frau Michel aufmerkam gemacht und dreht endlich den Kopf: „DU SIEHST HEUTE SO FRÜHLINGSHAFT AUS!!“ Frau L. lächelt geschmeichelt.

Kurz darauf blickt Frau Michel nach links zu unserem Ältesten, Hartmut Dieter, 91 Jahre alt, ehemaliger Lokführer, nah am Wasser gebaut, aber kräftig und mit wachem Blick für Weltgeschehen und Gesellschaft. Vor ein paar Jahren hat Hartmut Frau M. mit Blumen und Aufmerksamkeit überhäuft, aber Frau M. wollte nicht. Nun sagt sie zu Hartmut „Na Hartmut, heute siehst du ja gut aus! Ganz frisch! Bist du fröhlich?“ Hartmut hört sie, lacht brummend und schaut seinerseits an das andere Ende des Tisches zu Frau Naue, (der Nachbarin von Frau L.) und sagt „Ich schau ja immer zu dir rüber“. Aber auch Frau Naue hört schlecht und bekommt das Kompliment gar nicht mit. Wieder greift Frau M. ein und ruft so lange über den Tisch („Inge, Hartmut hat dir was zu sagen. Hartmut hat.. Inge! INGE!!!“), bis Inge Naue aufblickt und die Schmeichelei hört, aber kaum darauf reagiert. Frau M. scheint nun ihrerseits etwas für Ihren Nettigkeitsrausch zu erwarten und sinnt auf Informationen: „Inge, habt ihr etwa ein Verhältnis, du und Hartmut?“ Daraufhin sage ich belustigt-streng zu Frau M. „Na, Sie können ja Fragen stellen, so neugierig! Was ist denn heute los in dieser Runde?“ Mein Sitznachbar Günther R., vielleicht Mitte 60, stellt nüchtern fest: „Naja, ist halt Frühling. Sagt man doch so. Frühlingserwachen“. Ich könnte schwören, dass ich später, beim Aufräumen der Kaffeetafel auf Frau Naues Gesicht ein fast mädchenhaftes Lächeln gesehen habe. Flirten macht Sachen, die schön sind. Hier im Gemeindekreis geht jedenfalls so Einiges!

Und der Soundtrack dazu hat auch seine Hits:

Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.


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