Predigt für die Christvesper 2018
Weihnachten – bedeutungsvollere und erwartungsgeladenere Feiertage gibt es kaum. Weihnachten geht an Herz und Nieren. Da spielen Wünsche und Sehnsüchte eine Rolle: endlich wieder Zeit mit der Familie, das leckere Festtagsessen, geliebte Menschen beschenken und selbst beschenkt werden, erzählen und diskutieren und lachen, spielen, gemeinsam spazieren gehen. Aber auch Erinnerungen sind an Weihnachten wichtig: an Großmutters einzigartigen Kartoffelsalat, die kleinen Glasvögel am Weihnachtsbaum, früher war mehr Lametta, den abendlichen Gang zur Kirche, die kribbelige Vorfreude auf den Gabentisch, die harten Kirchenbänke, die seit Jahrzehnten gleich sind, das „Oh du Fröhliche“ am Ende des Gottesdienstes.
Weihnachten erhält seine je eigene Intensität durch das, was wir, was jede und jeder von uns, mit Weihnachten verbindet. Und dadurch, welche Bedeutung wir dem Weihnachtsgeschehen beimessen, beimessen wollen.
Ich glaube, die meisten Menschen feiern an Weihnachten, dass uns ein Kind geboren wurde. Darum geht es schließlich. Ein Kind wurde geboren auf einem Feld bei einer Stadt, die, laut google maps, 4000 km weit von uns weg ist, 40 Autostunden, Richtung Ungarn, durch die Türkei, Syrien und den Libanon und dann wäre man endlich angekommen, in Bethlehem.
Die Suchmaschine weist mich bei der Recherche darauf hin, dass „mein Ziel in einer anderen Zeitzone liegt“. Wie richtig sie damit liegt!
Ein Kind wurde uns geboren, und zwar vor über 2000 Jahren. Der Stall, Maria und Josef, die Engel und natürlich das Kindlein, Jesus. Wer Weihnachten feiert, weiß das. Sonst wären wir ja heute auch nicht versammelt.
Aber, wer Weihnachten feiert weiß auch, dass die Dinge nicht immer so laufen, wie man sie sich vorgestellt hat. Weihnachten birgt auch so seine Überraschungen. Und hier habe ich eine für Sie:
Das Kind, von dem es im Predigttext für heute heißt, es wurde uns geboren – dieses Kind trägt nicht den Namen Jesus. Mit dem Kind ist nicht einmal Jesus gemeint, sondern tatsächlich jemand, der viele hundert Jahre vor Jesus geboren wurde. Keine Sorge – ich versichere Ihnen und euch, dass dieser Umstand der weihnachtlichen Freude keinen Abbruch leistet, sondern sie hoffentlich sogar noch größer macht.
Der Prophet Jesaja schreibt im 9. Kapitel:
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter;
Jesaja dachte wahrscheinlich an den jungen König Hiskia, als er diese Zeilen schrieb. Aber für mich ist heute etwas anderes bedeutsam: In die Freude über das geborene Kind mischt sich eine Freude, die über jenen König und sein politisches Wirken und Schaffen weit hinaus geht, eine universale Freude. Jesaja jubelt über Gottes Wirken in dieser Welt. Er schafft den Frieden und die bessere Welt, nach der er sich sehnt. Erfüllt davon schreibt er seine Vision:
1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. […]
Auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
Einige hundert Jahre später kennen die Menschen des Volkes Israel diese Worte, denn sie sind Teil ihrer Heiligen Schriften. Man liest die hoffnungsvolle Friedensvision des Propheten Jesaja bei den Gottesdiensten im Tempel und in den Synagogen. Man ist mit ihrem Klang und ihren Bildern vertraut. Die Hoffnung auf den kommenden Friedensfürsten ist lebendige Glaubenstradition.
Und dann wird wieder ein Kind geboren, in einem Stall auf einem Feld nahe Bethlehem. Und die Mutter und Josef, die Hirten und auch die weisen Männer aus dem Morgenland, sie alle sehen dieses Kind und spüren, das etwas Besonderes mit ihm ist, das ein Leuchten von ihm ausgeht. In dem Kind scheint etwas auf, dass sie an die alten Texte erinnern lässt, an Jesajas Worte vom Licht in der Dunkelheit, von der Freude und einer Königsherrschaft, die Recht und Gerechtigkeit mit sich bringt und ewig bleiben wird. Sie sehen das Kind mit dem Namen Jesus und hören in sich die wunderbare Verheißung des Propheten – uns ist ein Kind geboren. Du weckst lauten Jubel. Du machst groß die Freude.
Auch aus der Erinnerung an diese Worte wächst in den Menschen damals die Überzeugung, dass Gott in diesem Kind in dieser Welt wirkt. Und diese Erkenntnis geht ihnen an Herz und Nieren, bringt sämtliche Wünsche und Sehnsüchte in Bewegung und lässt sie davon singen, berichten und erzählen und schreiben. Diese Erkenntnis ist so groß, dass sie die Welt verändern wird und die Weltzeit einteilen wird in – vor der Geburt des Kindes und nach der Geburt des Kindes. Ohne die niedergeschriebene Vision des Propheten Jesaja wäre das nicht möglich gewesen. Es is seine universale Hoffnung, die der Weihnachtsgeschichte zu ihrer weltbewegenden Bedeutung verholfen hat.
Wir feiern Weihnachten und erinnern uns an die Geburt des Kindes mit Namen Jesus, der in den Menschen seinerzeit alle Hoffnung weckte und ihnen Gott auf ganz neue Weise nahe brachte.
Ich glaube, Weihnachten feiern heißt, sich erinnern können und der eigenen Hoffnung trauen. Und das nicht nur im kleinen Rahmen, bezogen auf die eigene Lebensgeschichte, sondern im ganz Großen betrachtet. Weihnachten geht zwar an Herz und Nieren, aber auch weit über den eigenen Horizont hinaus – das ist ja gerade das Wunderbare!
Wir als Christinnen und Christen stehen in einer jahrtausendealten jüdisch-christlichen Tradition. Die Verheißungen des Ersten Testaments haben ihre Gültigkeit, die Worte des Propheten Jesajas stehen gleichberechtigt neben denen des Evangelisten Lukas. Wir sind daran gewöhnt, beides zusammen zu hören, gleichzeitig. Uns ist ein Kind geboren – Jesus von Nazareth. Doch unsere Glaubenstradition ist größer und reicher und älter. Wir würden dem Zeugnis des Jesaja und der hebräischen Bibel nicht gerecht, wenn wir einen Namen hineinlesen würden, der nicht in diese Zeit gehört. Dafür hat der Jesaja damals eigene Namen gefunden und aufgeschrieben: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Jeder einzelne Name steht dafür, dass Gott da ist. Dass er Wunder wirkt in dieser Welt, dass er stark ist und liebevoll und den Frieden bringt, einen Frieden ohne Ende, für alle Geschöpfe Gottes auf dieser Erde.
Ich glaube daran, dass das Kind Jesus jene Verheißung in den Menschen seiner Zeit zum Klingen gebracht hat. Und ich glaube, dass jene Geburt – 4000 km entfernt und vor über 2000 Jahren geschehen, immer noch eine Bedeutung hat, die größer ist, als ich es mir vorstellen kann. Die die Kraft dazu hat, aus der Vergangenheit heraus unsere Gegenwart und Zukunft zu verändern.
Weil das Geschehen auf jenem Feld bei Bethlehem göttlicher Natur war. Gott wirkt in dieser Welt – das haben schon unzählige Männer, Frauen und Kinder vor uns erfahren und davon in ihrer je eigenen Sprache und Form erzählt und gesungen und geschrieben. Gott wirkt in dieser Welt und in ihren Menschen, über Zeiten und Ländergrenzen hinweg. Dabei rührt er Herzen an und befreit, weckt Glauben und Hoffnung und taucht alles und jede und jeden in ein großes Licht, das hell scheint und uns den Weg weist, zu den Hirten, Maria und Josef und dem Kind, dessen Name nichts anderes bedeutet als: Gott mit uns.
Amen.
Frohe und gesegnete Weihnachten euch allen!
