Letztes Jahr um diese Zeit, als ich gerade im fernen Süden unterwegs war, lernte ich dieses schöne Spiel kennen. Es eignet sich gut für kleine Gruppen zum ersten Kennenlernen, aber auch wenn man schon länger miteinander zu tun hat. Weil ich es auf Reisen so vergnüglich fand, hab ich es zurück in der Gemeinde sofort mit den Konfis und dann auch mit den Religions-Schüler*innen gespielt.
Meine Katze kotzt, wenn sie sich einsam fühlt.
Ich mag Basteln.
Mein Onkel ist ein Hippie.
Die Kinder sind echt nicht drauf gekommen. Sie tippten mehrheitlich darauf, dass es den Hippie-Onkel in meinem Leben nicht wirklich gibt. Als ich dann erzählte, dass ich tatsächlich nicht gerne bastele, reagierten sie fassungslos. Dabei hätten sie es durchaus früher bemerken können, vor allem das eine Mal, als ich mit ihnen in der Adventszeit versucht habe, Sterne zu basteln.
Vor ein paar Jahren (als ich zu Weihnachten noch zuhause bei der Familie mit Hippie-Onkel war) habe ich mir die Festtage mal damit versaut, unbedingt einen Fröbelstern basteln zu wollen. Das ulkige Rumgeknicke und Durchgeschiebe und Gefalze – stun-den-lang, ätzend. Das bunte Papier sah nach einer Weile ähnlich mitgenommen aus wie mein vor Anstrengung und Konzentration verzerrtes Gesicht. Dann fiel mir wieder ein, dass ich Basteln schon im Kindergarten richtig furchtbar fand und dass es Gründe hat, warum ich sonst nie zu Schere, Kleber und Co. greife. Ich mag es einfach nicht, weil es mir keinen Spaß macht, weil ich es überhaupt nicht kann. Meine Mutter konnte mich an jenem Weihnachtsfest auch nicht trösten. Dem Hippie-Onkel erzählte ich nichts. Wenn es wenigstens ein vorzeigbares Ergebnis meiner Bemühungen gegeben hätte, aber nein. Es war ein Trauerspiel mit Nicht-Stern. Zum Glück musste der niemandem den Weg irgendwohin zeigen, sonst wäre Weihnachten in einem noch viel größerem Umfang deprimierend gewesen.
Mit den Jungs und Mädels in der Schule bin ich deshalb auf Nummer sicher gegangen und habe dort Butterbrottütensterne (das ist mal ein Wort!) gebastelt und die sind selbst für mich ein realistisch erreichbares Ziel. Brauchst du Tüten und Kleber und dann schnippelst du mit der Schere ein bisschen hier und da und entfaltest die zusammengeklebten Teile und voilà: ein bezaubernder Stern in 3D zum irgendwo Aufhängen. Ein paar Mädchen wollten an jenem Tag aber unbedingt Fröbelsterne machen. Ich ahnte Böses und fragte nach: Und ihr sagt, ihr kriegt das alleine hin? – Ja. Wir haben das letzte Woche mit Frau F. gemacht. – Na gut, aber ich kann euch nicht helfen, wenn etwas nicht klappt. Wisst ihr Bescheid.. – Ok, Frau Hitchschmock – Natürlich haben sie es nicht hinbekommen, an die langen Gesichter kann ich mich noch gut erinnern. Ihr Frust mit den fiesen Fröbelsternen kam mir selbst nur zu bekannt vor, meine Trostversuche liefen ins Leere.
Rahel bastelt im Gegensatz zu mir richtig gerne. Vor allem mit Pappe. Aber sie kann auch Stempel selber machen und Nähen und neuerdings auch noch Origami. Übermütig versuchte ich, es ihr bei einem Besuch gleichzutun. Mit so hübschem, buntem, wahrscheinlich super teurem Papier, das sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Mir ist immer noch peinlich, dass ich selbst bei der für Kinder konzipierten Riesenorigamischwalbe bei quasi jedem Handgriff auf Rahels Hilfe angewiesen war. Gnah.
Rahel jedenfalls war nicht da, als ich selbstständig und also ganz ohne ihre Hilfe zum Basteln genötigt wurde. Hier gibt es eine Kita in der Gemeinde und dort halte ich ab sofort regelmäßig Andachten. Der erste Termin war ausgerechnet der 31. Oktober, Reformationstag also. Irgendwas mit Luther musste also her und ich entschied mich für ein bisschen nett aufgemachte Geschichte (zum Glück hab ich den Playmobil-Luther hier wiedergefunden) und Gedanken zur Lutherrose. Dazu habe ich mich selbst übertroffen und eine einzeln zusammensetzbare, große Lutherrose gebastelt. Mit bunten Tüchern (gelb und blau) und Pappe und Klebestreifen und einem rot angemalten Pappherz und einem schwarz angemalten Pappkreuz und einem weißen Tuch, dass dann live zur Rose mit fünf Blättern gelegt kann.
Die Kinder in der Kita sind schlau. Sie wussten, dass am 31. Oktober Reformation gefeiert wird und die kleine schwarze Playmobilfigur kannten sie auch schon mit Namen. Gespannt verfolgten sie, wie ich erst den gelben Kreis in die (natürlich) gestaltete Mitte legte, dann darauf einen kleineren blauen legte und dann mit dem weißen Tuch etwas formte.
Ich: So, und das Weiße ist jetzt eine Rose mit fünf Blättern. Kind neben mir: – Sieht aber aus wie ein Stern, mit fünf Zacken. – Ehm, hm, ja, aber es soll eigentlich eine Rose sein. Es heißt ja auch Lutherrose. Stellt euch das einfach als Rose vor. Für was steht denn das Weiß der Rose, was glaubt ihr?
Manchmal hilft auch Ablenkung. Haben sie zum Glück mit sich machen lassen. Trotzdem: das sind clevere Kinder da. Bestimmt sind die auch alle richtig gut im Basteln. Beim Ausmalen der mitgebrachten Lutherrosen waren sie jedenfalls entzückend kreativ. Ein Kind hat seine Rose ganz freimütig in kunterbunten Regenbogenfarben ausgemalt. Hätte dem Reformator bestimmt auch gefallen.