„Und wie geht es Ihnen bei uns? Sind Sie schon angekommen?“ Diese hoffnungsvoll-neugierige Frage bekomme ich im Moment fast täglich gestellt. Dann denke ich: Angekommen sein, was glaubt ihr denn? Nach zwei Monaten? Dafür braucht man doch mindestens ein Jahr, wenn nicht mehr! Und dann sage ich: „Danke, bisher geht es mir ganz gut. In der Gemeinde fühle ich mich wohl, in der neuen Wohnung auch…“ Und das stimmt auch. Aber ich verschweige das von Zeit zu Zeit aufpoppende Heimweh und das Fremdeln mit dem neuen Konvent. Geht ja auch niemanden was an. Auch nicht, dass das Ankommen am neuen Ort sich ähnlich anfühlt, wie das erste Ankommen im Dienst. Inklusive manch kurzer Nächte und dieser eigentümlichen, nur selten abklingenden Grundanspannung: Hab ich was Wichtiges vergessen? Findet der Termin wirklich morgen oder vielleicht doch heute statt? Hab ich allen Bescheid gesagt, dass die Uhrzeit sich verschiebt? Ob meine Predigt ankommt? Kann es sein, dass gleich noch jemand anruft und was will? Passen die Lieder so oder besser anders? Hab ich wirklich nichts Wichtiges vergessen? Und wo hat sich mein Schlüssel/das Telefon/das blaue Buch für Notizen/die Graceland-CD/der Lieblingsrock/die Liste der Konfi-Eltern/die Katze versteckt? Waah!
Pff, von wegen Zauber. Anfänge sind Wahnsinn. Aber Wahnsinn kann ja auch vergnüglich sein. Ich verbringe (so wie es empfohlen wird) diese Tage und Wochen also mit viel Gucken und Zuhören und sich vertraut machen mit den neuen Umständen. Dazu gehört auch, dass ich alle Mitglieder des Presbyteriums zuhause besuche. Wenn es passt mit dem Rad, das zwar gut aussieht, aber bekannter Weise ständig irgendwelche Probleme macht. Mal mag es keine Luft haben, dann hält der Sattel nicht oder es schmeißt widerwillig die Vorderlampe von sich. So geschehen beim Besuch bei Herrn Meinhardt und seiner Familie. Die Meinhardts sind komplett dem Radrennsport verfallen. Mein Tempo ist ja eher gemütlich und von Sport kann bei mir nicht die Rede sein. Immerhin hat der Weg dorthin nur knappe zehn Minuten gedauert (neue App, neues Glück), aber die 500 Meter Kopfsteinpflaster waren zu viel für die Lampe. Bei der Begrüßung an der Tür, mit der gefallenen Lampe in der Hand, meinte ich dann auch etwas kollektives Mitleid für mein unpraktikables Rad wahrzunehmen.
Ein paar Stunden später wird Herr Meinhardt die Lampe flugs wieder anschrauben. Und ich werde dann satt (Suppe! Salat! Brot!) und leicht bierselig nach Hause fahren und mich über den gelungenen Abend freuen. Und noch ein paar Stunden später wird er mir erzählen, dass ich bei seinen beiden Jungs eine Menge Eindruck mit meiner Medienkompetenz (das Wort hat er genutzt) gemacht habe. Lustig! Die konnten es gar nicht fassen, dass ich Game of thrones kenne und ??? und „Ja klar kenne ich das Känguru, das finde ich großartig!“ Wenn meine Radkünste mir schon nicht helfen können, dann wenigstens mein Netflix-Account. Der Lebensweltbezug kann ja auch gar nicht unterschätzt werden. Dem Volk aufs Maul schauen, war das nicht so? Ansonsten ging es bei dem Besuch (neben dem Persönlichen) auch viel um Politik und gesellschaftliches Engagement der/des Einzelnen und der Kirche. Ich bin in einer bewussten und auch sehr selbstbewussten Gemeinde gelandet. Das ist schon anders als vorher und in der Form neu und ziemlich aufregend (siehe oben).
Heute Abend ist das nächste Gemeinde-Date. Ich bin optimistisch und will mit dem Rad fahren. Mal sehen, ob und wie ich dieses Mal ankomme. Bis dahin ist auch noch genug Zeit alles Nötige zu finden. Die Katze liegt derweil neben mir auf der grünen Couch und putzt sich. Wenigstens eine in diesem Haushalt scheint tiefenentspannt.
Und außerdem: I´ll tell you one thing, it´s always better when we´re together. In diesem Sinne euch allen einen schönen Tag der Deutschen Einheit!