Durch die großen Fenster in meinem Wohnzimmer sieht man viel Himmel. Tagsüber ist es hier lichtdurchflutet, jetzt gerade sehe ich Sterne und Planeten funkeln. Und obwohl es mir fehlt direkt neben einer Kirche zu wohnen und die Glocken immer zu hören, ist es auch schön, einfach mal wieder eine ganz normale Wohnung zu haben. Bis auf den Postboten klingelt hier eigentlich (…) niemand. Keiner, der eben noch eine Patenschaftsbescheinigung braucht oder was Spenden möchte oder nur mal kurz in die Kirche gucken will. Niemand, der oder die sich dann wundert, wie die Pfarrerin in Schlumpiklamotten aussieht (schlumpig eben). Dafür gibt es in meinem Haus jetzt Nachbarinnen und Nachbarn, die meisten älter.
Auf meiner Etage wohnt noch ein Ehepaar, Mitte 60 vielleicht, sie taucht auch in der Gemeinde ab und auf. Und sie hat auch schon mal bei mir geklingelt. Ganz freundlich, mit einem grünen Blumenstrauß in der Hand um mich zu begrüßen und gute Nachbarschaft zu wünschen. Ihr Timing war allerdings schlecht, der Morgen nach dem anstrengenden Umzug. Eigentlich wollte ich ausschlafen. Sie klingelte und klingelte und ich versuchte mich auf (aus dem Pfarrhaus geübte Art) tot zustellen, aber sie ließ nicht nach und klingelte immer weiter. Also öffnete ich widerstrebend die Tür und versuchte, meinen Schlafanzug (mit Kaktusmotiv „hug me“, na, besser nicht) hinter dem Holz zu verbergen und streckte nur den Kopf und einen Arm um die Ecke. Freundliches Gelächter und Geplänkel unter für mich großer Anstrengung, all das vor dem ersten Kaffee. Fatal, really.
Meine Nachbarin hat scheinbar ein Händchen für schlechte Zeitpunkte und Fauxpas. Gestern hatte ich nach einem langen und eher peinlichen Kampf mit der Luftpumpe endlich mein Rad mit Luft versorgt und war viel zu spät dran für einen Abendtermin, als sie mich (verschwitzt und völlig entnervt) vor der Haustür antraf. Händeschütteln und Lächeln, alles ok, bis sie auf den neuen Gemeindebrief reagiert und mich beglückwünscht. Aber nicht etwa für die schöne Einführung oder den Familiengottesdienst, sondern für das schöne Foto auf der ersten Seite. „Also wirklich, so ein schönes Bild von Ihnen, das ist ja ganz toll, wie Sie da stehen, vor der Kirche zusammen mit Ihrem Vorgänger. “ Garantiert hätte sie das nicht gesagt, wenn ich ein Mann wäre. Aber vielleicht hätte sie das auch nicht gesagt, wenn ich bei unseren bisherigen Begegnungen weniger müde/schlumpi/genervt/von Technik abgekämpft/ gewesen wäre. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wenn die auch noch anfängt Quatsch zu machen, brauche ich ein Anti-Aggressionstraining. Vor allem, bevor ich den emeritierten Kollegen zwischen die Finger bekomme, der mich vor dem Seniorenkreis allen Ernstes als „süß“ bezeichnet hat. Alter! Süß! Das geht doch gar nicht!
Der Beamer hat im Gottesdienst übrigens gebrummt als wolle er abheben und schnell aus der Kirche fliegen. Stattdessen änderte sich sein Farbton immer mal wieder zu rot oder lila und das Bild flackerte aufgeregt. Rahel, die mit Mann und den Kindern im Gottesdienst war, fand es aber ganz unterhaltsam: „passte doch zur Geschichte“ Darin ging es um Fliegen und Zauberei, dann, wenn es dunkel ist und kleine und große Hexen wach werden. Und so schließt sich der Kreis zum Nachthimmel, der immer noch vor meinen Fenstern funkelt. Bisher sehe ich vom Balkon nur Flugzeuge und ab und an Hubschrauber fliegen. Wenn sich das ändert (vielleicht erweitert auf Beamer, Räder, Nachbarinnen oder Kolleg*innen), dann werde ich hier selbstverständlich davon berichten. Gute Nacht und träumt schön und groß und frei!
Eine Antwort zu “Kakteen ohne Kaffee”
Den Gemeindebrief (die Korrektur macht daraus „Gemeinde rief“, vielleicht weil er nie fristgemäß fertig wird) muß ich ja selbst schreiben und setzen, deshalb sind auch meist die Fotos von mir. 😃 Aber wenn ich mal irgendwo in der Zeitung stehe, kommen auch immer liebe Leute: guck mal, ein Bild von dir! Sogar die Bilder vom Kollegen der Nachbargemeinde werden mir gebracht.
Eigentlich seltsam, daß gerade meine altbodenständigtraditionellen Reformierten so auf Bilder abfahren…
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