Seit ich in der Stadt bin bewege ich mich viel mehr. Ich hatte echt schon Muskelkater, bin ja nix mehr gewöhnt. Hier plötzlich so Treppensteigen, ins Gemeindebüro/zur Kirche/auf den Friedhof/zum ÖPNV/Einkaufen/Besuch/ Gemeindekreis/… laufen. Zu Fuß und so. Das alles geht (…), weil hier nichts wirklich weit weg ist. Ulf hingegen hat seit August bedeutend weniger zu tun. Er dankte es mir damit, dass er sich letzten Montag gar nicht mehr rühren wollte und stehen blieb, bis ein gelber Mann sich schließlich unter ihn legte, einmal kräftig gegen irgendetwas schlug während ich Ulf startete und dann fuhr er wieder.
Passenderweise spielte sich diese kleine Episode ab, als ich nach der finalen Wohnungsübergabe gerade meine Schlüssel im alten Pfarrhaus abgegeben hatte. Vielleicht ist Ulf noch im Abschied und hat deshalb Anfangs- bzw. Anfahrtschwierigkeiten, wer weiß. Im duftenden Pfarrgarten hatten sich derweil Einige zur Apfelernte eingefunden, erfreutes Wiedersehen und Herzen. Na, hast du schon genug von der Stadt und kommst zurück? Ich habe Quitten mitgenommen und einen Apfel. Es ist eigentümlich. Wenn ich dort bin, umgibt mich sofort ein ganz heimeliges Gefühl, als würde ich eine kuschelwarme Decke um die Schultern gelegt bekommen.
Heute war Ulf am neuen Ort dann wieder ziemlich mobil, nämlich auf der Suche nach der Werkstatt, die wir laut gelbem Mann dringend aufsuchen mussten. Stadtverkehr morgens früh, es war kein Vergnügen. Meine Orientierung ist schlecht, manche Dinge ändern sich wohl nie. Mein Ärger darüber ebenso wenig, aber der hilft dann ja auch nicht weiter. Ich kam jedenfalls eine halbe Stunde später in der Werkstatt an als geplant (ständig verfahren), um dann 10 Minuten später wieder unverrichteter Dinge vom Hof zu rollen. Solange er jetzt startet…? – Hmja.. – …können Sie doch mit ihm fahren und noch den TÜV abwarten dann vielleicht reparieren lassen. Jeder Start birgt ab sofort ein Risiko, aber auch eine Chance zur positiven Überraschung. Ulf ist echt lebensnah unterwegs jetzt.
Ich versuche derweil, sportlich unterwegs zu sein und längere Strecken mit dem Rad zu fahren. Weil ich orientierungslos bin und der Technik zu leichtfertig vertraue entwickeln sich diese Fahrten bisher regelmäßig zu dramatischen Grenzerfahrungen. Bisher brauche ich immer mindestens doppelt solang wie die Vorhersage der Kartenapp. Entweder, weil ich Entfernungen falsch einschätze (In 200 Metern rechts abbiegen – ich biege sofort rechts ab), die App Wege vorschlägt, die wirklich nicht da sind (man kann ja schlecht durch Tunnelwände oder Teiche), oder weil die App unrealistische Vorstellungen über das durchschnittliche Tempo von Radfahrenden hat. Dass ich der App tatsächlich nicht trauen kann war in meinem Bewusstsein trotzdem noch nicht angekommen. Bis heute aus 31 Minuten entspanntem Radeln eine Stunde quasi Hochleistungssport (ständig Anhalten, App checken, Wenden, Wege suchen, nervös Uhrzeit checken, an Ampeln anhalten, Straßen überqueren ) wurde und im Anschluss ein Taufgespräch stattfand.
Zum Glück hatte ich mir die Zeit falsch gemerkt und war zu früh losgefahren. Aber trotzdem, Kackapp! Und was dachte ich mir eigentlich dabei, eben mal eine Strecke 9km Rad zu fahren (und dann später, nach getaner Arbeit also, auch noch alles wieder zurück)? Himmel! Erst nach einer Dreiviertel Stunde Fahrt durch vier Stadtteile fiel mir die gute Frage ein, warum die ihr Kind überhaupt von mir an meinem Ort taufen lassen wollen und nicht in ihrer Ortsgemeinde. Das hätte so viel einfacher sein können. Meh. Dann wäre mir auch das Treppensteigen und der Gang zum Elternabend in die Kita (fußläufig, natürlich) heut Abend leichter gefallen. Dafür waren da heut Nachmittag unterwegs lauter gelbe Blumen, herrliche Septembersonne, ein glitzernder kleiner Fluss neben dem Radweg und Wiesen, Bäume und Felder – so schön! Und mindestens fünf windschnittige Radrasende in Funktionskleidung, denen ich meistens im Weg stand, suchend und verwirrt, schwer atmend und je nach Lichtverhältnissen schwitzend oder frierend. Ich habe erst beim Ankommen bei der Tauffamilie (und dem freien Blick auf einen sehr großen Acker mit nur Weite dahinter) kapiert, dass die nicht einmal mehr in der Stadt wohnen, sondern schon außerhalb. Also, hier macht man was mit. Stellt sich nur die Frage: alle Wege führen aufs Land, oder was?